An den Grenzen der Wissenschaft
 
Wenn ein schulmeisterlicher Gelehrter, ein von Berufs wegen Bedenken tragende kirchlicher Sektenbeauftragter oder ein arrogant lächelnder Fernsehmoderator abfällig von „grenzwissenschaftlichen Scharlatanerien" redet, begründen er seine Ablehnung oft mit der schlichten Aussage: „Diese abwegigen Spekulationen halten sich nicht an die wissenschaftliche Methode."

Ich halte ebenfalls von vielen grenzwissenschaftlichen Ideengebäuden herzlich wenig, aber in einem haben die oben genannten Personen eindeutig Unrecht: So etwas wie eine einheitliche, verbindliche „wissenschaftliche Methode" gibt es nicht! Außerdem muß man wissen, daß „Grenzwissenschaft" nicht gleich „Grenzwissenschaft" ist.

Was ist eigentlich „wissenschaftlich"?
Wenn es auch keine einheitliche „Wissenschaftsmethode" gibt, so gibt es doch Kriterien, die eine wissenschaftliche Theorie auszeichnen.
Man kann - darin dem Wissenschaftstheoretiker Karl Popper folgend - eine Minimalvoraussetzung für „Wissenschaftlichkeit" angeben: Eine wissenschaftliche Theorie muß falsifizierbar sein. (Ein Stein, der nach oben fällt, und die Gravitationstheorie ist widerlegt oder zumindest doch sehr stark ergänzungsbedürftig... ) Ein weiterer Grundsatz lautet: zuerst die Beobachtung - dann die Interpretation, das Aufstellen von Regel, das Ableiten von „Gesetzen". Jede Theorie und jedes „Naturgesetz" ist ein Modell der Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst, und im Prinzip stets nur vorläufig (das vergessen auch Wissenschaftler immer wieder gerne). Darüber hinaus gibt es einige Kriterien, die wissenschaftliche Aussagen erfüllen sollten: 

Das wären zum Beispiel:

  • Die Hypothese sollte widerlegbar sein. (Es ist z. B. nicht möglich, die Existenz von Geistern zu widerlegen. Es ist im Einzelfall aber durchaus möglich, zu prüfen, ob in einem konkreten Fall ein Eingriff aus der astralen Ebene erfolgte.)
  • Die Beweisführung sollte grundsätzlich logisch und rational sein. (Intuition ist gut und notwendig, reicht aber alleine für eine wissenschaftliche Hypothese nicht aus.)
  • Die Beweisführung sollte vollständig und schlüssig sein und keine Lücken enthalten.
  • Der experimentelle Beweis sollte wiederholbar sein.
  • Die einfachste Erklärung ist in der Regel die beste („Ockhams Rasiermesser").
  • Sehr ungewöhnlichen und außergewöhnliche Behauptungen, müssen, vor allem, wenn sie mit dem anerkannten Hintergrundwissen nicht übereinstimmen, durch schlagende Beweise abgesichert sein. (Für den Nachweis der Existenz des Ungeheuer von Loch Ness reichen die offenbar grundsätzlich unscharfen Fotos eben nicht aus. Für Nessie und ähnliche Wesen gilt offenbar ein Sonderfall der Unschärferelation: je schärfer man die Kamera einstellt, desto seltener bekommt man das Ungeheu-er vor das Objektiv.)
  • Die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Übereinstimmung von Daten sollte verschwindet gering sein.

  •  

     

    Soweit die Theorie. Die Praxis sieht oft anders aus. Oft sind es gerade die erfolgreichsten und produktivsten Wissenschaftler, die kühn eine neue Hypothese vorstellen, ohne sich dabei auf überzeugende und überwältigende Beweise zu berufen, geschweige denn, auf etablierte Theorien allzu viel Rücksicht zu nehmen. Sie folgen statt dessen eben erst entdeckten, oft noch nicht „verifizierten" Daten, spärlichen oder ungenauen Informationen und in der Regel ihrem schwer zu beschreibenden „Riecher" - einer Form der Intuition, ohne die kaum ein wissenschaftlicher Neuerer auskommt. Erstaunlich viele wissenschaftliche Theorien würde buchstäblich erträumt, entsprangen plötzlichen Visionen oder inneren Stimmen. All dies ist für sich genommen nicht sonderlich rational.

    Diesem ersten Vorstoß folgt aber - gerade bei umstrittenen Themen - die Überprüfung der Aussage durch andere Wissenschaftler (und manchmal auch ein jahrzehntelanger Gelehrtenstreit). Wenn es auch fraglich ist, ob auf diese Weise immer die „Wahrheit" ans Licht kommt, bleiben Fehler oder gar absichtliche Täuschungen in der Regel nicht lange unentdeckt.

    Pseudowissenschaft
    Pseudowissenschaftliche Aussagen erheben den Anspruch, wissenschaftlich zu sein, können diesem Anspruch aber nicht einlösen, weil sie z. B. in sich widersprüchlich sind, bereits durch die Erfahrung oder durch Experimente widerlegt sind, oder die methodologische Voraussetzungen der Wissenschaft-lichkeit (z. B. das Verbot von Zirkelschlüssen) nicht erfüllen.

    Eine klassische recht anspruchsvolle pseudowissenschaftliche Lehre, die durch die Erfahrung widerlegt ist, ist die „Welteislehre" . Ihr zufolge soll Eis der Grundstoff des Universums sein - gemäß dieser Lehre bestünde z. B. der Mond aus Eis, die Sonne würde mittels Kometensturz mit Brennstoff versorgt werden und die Milchstraße bestünde nicht aus fernen Sternen, sondern wäre ein Ring aus Eisbrocken um unser Sonnensystem. Spätestens durch die Raumfahrt wurde sie widerlegt, aber sie hat immer noch einige Anhänger, die eben nicht an die Raumfahrt und ihre Ergebnisse glauben.

    Mehr Anhänger als die „WEL" hat heute der durch wörtlich genommene Bibelzitate gestützte „Kreationismus" , der nicht nur die jede Form der Evolutionstheorie von vornherein ablehnt, sondern auch behauptet, die Erde sei höchstens einige tausend Jahre alt. (Um Mißverständnisse zu vermeiden: als Glaubensaussage, z. B. eines christlichen Fundamentalisten, ist der Kreationismus akzeptabel, er ist jedoch definitiv keine wissenschaftliche Theorie.)
    Häufig neigen die Anhänger von Peudowissenschaften dazu, sich gegen Kritik zu immunisieren : Egal, welche Ergebnisse ein Versuch liefert, was immer statische Untersuchungen sagen, was immer Ausgrabungen zu Tage fördern oder was immer auch in der Bibel stehen mag: Es wird immer als Bestätigung - oder doch zumindest nie als Widerlegung - der eigenen Behauptung angesehen.
    Einige weitere typische Merkmale der Pseudowissenschaft:
    • Sie akzeptiert Resultate, die von qualitativ nicht ausreichenden Beweisen gestützt werden. (Ein unscharfes Foto, eine merkwürdige Brandnarbe und die schlichte Behauptung eines „Entführungsopfers" reichen eben nicht aus, um eine „Begegnung der 4.Art" mit einem UFO zu beweisen.)
    • Das Verfälschen und Übergehen von empirischen Daten, die sich mit der favorisierten Annahme oder Theorie nicht in Einklang bringen lassen, sie beschränkt sich auf die Daten, die am besten passen. (Klassisches Beispiel hierfür sind die Kreationisten: sie ignorieren alle Beweise für die Evolution, aber stürzen sich begierig auf jeden Wissenschaftler, der an dieser Theorie auch nur geringfügige Zweifel hat und bauschen diese oft nur Details betreffenden, oft sogar berechtigten, Zweifel zur „Widerlegungen" des Darwinismus auf.)
    • Sie zieht Koinzidenz und Korrelation zur Beweisführung heran, wobei sie regelmäßig Korrelation mit Kausalität verwechselt. (Das klingt kompliziert, heißt aber lediglich, daß das Vorgehen der Pseudowissenschaft dem Versuch gleicht, aus dem Rückgang der Storchenpopulation und dem zeitgleichen Geburtenrückgang zu schließen, daß die Babys doch vom Klapperstorch gebracht werden.)
    • Sie legt ein übermäßig großes Gewicht auf die Theorie und erwartet von ihr, daß sie alles, was noch unbegreiflich ist, erklären könnte. (Viele „Ancient Astronaut"-Anhänger versuchen z. B. sämtliche tatsächlichen oder vermeintlichen Rätsel der Vergangenheit mittels „Eingriff des Astronautengötter" zu „erklären".)

    •  

       

      Wichtig dabei ist, daß die meisten Anhänger einer Pseudowissenschaft keine Scharlatane oder gar Betrüger sind - sie glauben meistens aufrichtig ihren, manchmal absurden, Ideologien.
       

    Parawissenschaft
    Der zweite große Bereich der „Grenzwissenschaft". Nach der Definition der GWUP e. V. (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) bezeichnet „Parawissenschaft" Aussagensysteme, bei denen der mehr oder minder starke Verdacht besteht, daß es sich um eine Pseudowissenschaft handelt. Der Verdacht kann sich als richtig oder falsch herausstellen, d. h. es ist auch möglich, daß sich bei einzelnen Parawisssenschaften um Protowissenschaften handelt, also um erst im Entstehen begriffene neue Wissenschaftsdisziplinen.
    Ich ziehe eine andere Definition vor: Parawissenschaften sind ihr zufolge Aussagensysteme, die die Kriterien der Wissenschaftlichkeit erfüllen, vor allem ihren eigenen Hypothesen gegenüber skeptisch sind, jedoch teilweise von anderen Paradigmen (Denkmustern, Welterklärungsmodellen) ausgeht als die wissenschaftliche Mehrheitsauffassung.
    Das klassisches Beispiel ist die Parapsychologie . Parapsychologen - die meistens ausgebildete „Schulpsychologen" sind, oft im Team mit Natur- und Geisteswissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen - versuchen paranormale Phänomene wie Telepathie, Präkognition oder Spuck mit wissenschaftlichen Methoden zu erkunden. Im Zuge ihrer Forschungen hat die Parapsychologie umfangreiches Material zusammengetragen, die den Schluß nahelegen, daß Fähigkeiten wie Telepathie, Hellsehen und Präkognition weit verbreitet sind. Obwohl die Parapsychologie nun schon seit der Gründung der Society for Psychical Research (SPR) im Jahre 1882 versucht nach allen Regeln der Kunst Beweis auf Beweis zu häufen, werden ihre Ergebnisse weniger angezweifelt als vielmehr ignoriert.
    Sind daran die „verkalkten Schulwissenschaftler" schuld? In der Regel nicht. Naturwissenschaftliche Methoden sind für die Untersuchung wiederholbarer, d. h. häufiger Ereignisse gedacht. Man bemüht sich um möglichst große Fallzahlen, um sie mit den Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung (Statistik) auszuwerten. Allerdings besteht das grundsätzliche Problem, daß sich das menschliche Leben nicht so ohne weiteres ins Labor sperren läßt (ein Punkt, der auch in anderen Forschungsbereichen der Psychologie seit eh und je diskutiert wird), daß viele paranormale Phänomene buchstäblich nur einmal im Leben eintreten und daß statistische Methoden den untersuchten Zusammenhängen nicht gerecht werden.

    Ein drastisches Beispiel für abweichende Paradigmen zwischen etablierter Wissenschaft und Parawissenschaft ist die Synchronizitätsfrage: Einer der Grundpfeiler der etablierten Wissenschaften ist das Kausalitätsprinzip, das Prinzip, daß einem Phänomen immer eine zeitlich vorausgehende, genau bestimmte Ursache zugrundeliegt. Sehr viele Parapsychologen gehen statt dessen vom Synchronizitätsprinzip aus, das auf den Psychoanalytiker C. G. Jung und den Physiker Wolfgang Pauli zurückgeht. (Das „Pauli-Prinzip" dürfte allen, die sich näher mit theoretischer Chemie oder mit Quantenphysik beschäftigt haben, geläufig sein). Das Konzept der Synchronizität nimmt eine dem Menschen verborgene, nicht kausale Ordnung in der Welt an. Jung versuchte so das Phänomen der „sinnvollen Zufälle" zu erklären. Man liest z. B. ein Buch, schaltet zwischendurch das Radio an - wo gerade genau derselbe Text zitiert wird. (Persönliche Anmerkung: das ist mir selber schon einige Male passiert - und beileibe nicht bei aktuellen „Bestsellern".) Laut Jung steckt auch hinter Wahrträumen, Telepathie und den mitunter zutreffenden Aussagen der Astrologie oder Orakeln die Synchronizität.

    Für die Quantenphysik gilt dieses Prinzip mittlerweile als nachgewiesen. So hängen alle phasenverriegelten Teilchen (Teilchen, die im selben Augenblick aus derselben Quelle hervorgegangen sind) für alle Zeit zusammen. Wird eines der beiden Teilchen in einer seiner Eigenschaften (z. B. in seinem magnetischen Spin) von außen verändert, erfährt sein Zwillingsteilchen in genau dem selben Moment eine gegensinnige Zustandsänderung, ohne das dieses Teilchen von außen in irgendeiner Form beeinflußt worden wäre, oder es irgend eine Möglichkeit für eine Informationsübertragung gäbe. Diese Verschränkung wirkt sofort über eine beliebig große Entfernung hinweg. Dieses „Bell´sche Theorem" und die „spukhaften Fernwirkungen der Quantenmechanik" (Einstein) wurde inzwischen durch Experimente an Teilchenbeschleunigern experimentell bestätigt. Weniger spektakuläre Versuche die die unumschränkte Gültigkeit der klassischen Kausalität einschränken, wie der Doppelspaltversuch,, können bereits im Physikunterricht der Schulen nachvollzogen werden.
    (Um einem in Esoterikerkreisen weitverbreiteten Mißverständnis zuvorzukommen: Durch das Synchronizitätspinzip wird die Kausalität nicht etwa widerlegt, sondern sie stellt vielmehr einen Sonderfall der Synchronizität da, so wie die newtonsche Physik als Sonderfall der Relativitätstheorie für sehr kleine Geschwindigkeiten nach wie vor gültig ist.)

    Die meisten Wissenschaftler scheuen - aus nachvollziehbaren Gründen - allerdings davor zurück, eine Gültigkeit der Synchronizität auch für makroskopische Systeme (all das, was sich buchstäblich sehen und anfassen läßt) anzunehmen. Gegen die jungsche Annahme, daß hinter den „sinnvollen Zufällen" in unserem Alltag die Synchronizität steckt, argumentieren sie folgendermaßen: Die Wahrscheinlichkeit, daß ein bestimmtes Ereignis (z. B. ein Traum, der in der folgenden Woche wahr wird) einem bestimmten Menschen passiert, ist in der Tat sehr klein. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß es irgendjemandem passiert, ist sehr groß. Ein Wahrtraum ist ihnen zufolge so etwas wie ein Hauptgewinn im Lotto - ein unwahrscheinlicher, aber möglicher Glücksfall. Mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als 1:14 Millionen ist ein bestimmter Lottotip richtig. Die Chance, das gerade mein Tip richtig ist, ist also verschwindend gering. Aber da jede Woche um die 15 Millionen Tips abgegeben werden, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit bei jeder Ziehung Hauptgewinner geben. (Ich stelle mir gerade vor, was wäre, wenn ich statt Wahrträumen jedesmal Lottogewinne gehabt hätte...) Eine weiteres Argument gegen Jung ist das bekannte psychologische Phänomen, daß wir dazu neigen, zwischen zwei gleichzeitig geschehenden Ereignissen, die nichts miteinander zu tun haben, Zusammenhänge zu konstruieren. (Ich drehe die Dusche auf und es klingelt an der Tür. Klar, ein ärgerlicher Zufall. Ich denke gerade an meinen verstorbenen Großvater und in selben Moment fällt ein Buch vom Schrank. Manch einer würde jetzt an Spuk denken.)

    Dieses etwas ausführlichere Beispiel zeigt, wieso Parawissenschaftler und „Schulwissenschaftler" auch bei gutem Willen so leicht aneinander vorbeireden. Wenn sich allerdings das herrschende Paradigma in der Wissenschaft ändern würde, z. B. indem die überlichtschnelle Übertragung von Informationen zweifelsfrei nachgewiesen würde, wäre die „klassische" Kausalität beim Teufel und Jungs Außenseitertheorie rehabilitiert.

    Ein anderer Punkt, in dem die Paradigmen nicht übereinstimmen, ist die Rolle des Beobachters: Nach klassischer wissenschaftlicher Auffassung darf die Einstellung der Experimentatoren einen Versuch nicht beeinflussen. Nach der vieler Parawissenschaftler ist der Beobachter eines Versuchs auch immer Teil der Beobachtung.
    Zwar räumen z. B. die skeptischen Wissenschaftler der GWUP ein, daß eine Reihe von statistisch sorgfältig dokumentierten Experimenten auf die Existenz von Psi-Phänomenen hinweisen. Aber da sich diese Experimente nicht beliebig wiederholen lassen und ihre Ergebnisse offenbar stark davon abhängen, ob die Beteiligten an Psi-Phänomene glauben oder nicht, lautet das Fazit der GWUP: Bisher gibt es keinen stichhaltigen Beleg für die Existenz paranormaler Phänomene.

    Diese „Divergenz der Paradigmen" erklärt auch, wieso viele mit kausal-mechanistischen Modellen arbeitende Parapsychologen so kläglich auf dem Gebiet der Esoterikforschung versagen: sie versuchen, mit „klassischen" Methoden ein Weltbild zu erforschen, daß sich dem analytische Denken prinzipiell entzieht. Viele ihrer gutgemeinten Untersuchungen, z. B. die des Wünschelrutenphänomens, ähneln mitunter dem Versuch, mit Gabeln Suppe zu essen.
     

    Protowissenschaft
    Die dritte Gruppe der „Grenzwissenschaften" sind die Protowissenschaften. Das sind Wissenschaften, im Entstehen, für die es noch keinen Platz im Lehrgebäude der etablierten Wissenschaft gibt - aber es kann sein, das was heute noch Außenseitertheorie ist, morgen in den Lehrbüchern stehen kann - oder als „verfehlter Ansatz" verworfen wird. Selbst wenn eine Protowissenschaft in das Lehrgebäude der Wissenschaften einzieht, gilt immer noch: Es ist das Vorrecht des Pioniers, sich zu irren. Nur selten haben die Grenzgänger der Wissenschaft auf ganzer Linie recht behielten.
    Typische Felder der „Protowissenschaften" sind z. B. die Exobiologie, die Kryptozoologie, Sheldrakes „morphogenetische Felder", Experimente zur überlichtschnellen Informationsübertagung, Versuche zur Schwerkraftkontrolle, die Untersuchungen zur Sprachfähigkeit von Tieren.

    Gerade letzteres zeigt, was für eine Achterbahnfahrt die öffentliche Meinung in Hinsicht auf Protowissenschaften hinlegen kann: Als um 1980 Primatenforscher erstmals Schimpansen und Gorillas die Taubstummensprache beibrachten, reagierten die Verhaltensforscher interessiert und die Massenmedien enthusiastisch ob dieser Sensation. Als dann die ersten Zweifel an den Experimenten auftauchten und es nicht immer gelang, die Ergebnisse zu reproduzieren, geriet im Handumdrehen die ganze Sprachforschung an Menschenaffen in Verruf. Die Medien folgten begeistert den galligen Vorwürfen gegen die früheren „Helden der Wissenschaft" und kommentierten süffisant den „Forscherstreit". 1986 wußte der „Spiegel" zu vermelden: Die Forschungsfehde sei entschieden, die vermeintlich sprechenden Menschenaffen hätten nur einem Zirkustrick vorgeführt, das „Bewußtsein von der Gemeinschaft der Kreatur" habe sich in Rauch aufgelöst. Schließlich kühlte sich die Köpfe ab, und das Thema wurde uninteressant. So uninteressant, daß die breite Öffentlichkeit kaum etwas davon mitbekam, daß neue Versuche hieb- und stichfeste Ergebnisse zur Sprachfähigkeit von Menschenaffen gebracht haben - Ergebnisse, die zeigen, daß die Versuchstiere sehr wohl verstehen, was sie „sagen". Die Intelligenzforschung an Tieren einschließlich der Sprache von Primaten ist mittlerweile ein etablierter Zweig der Verhaltensforschung geworden.

    Es geht aber auch umgekehrt: Als Hörbiger um 1894 seine „Welteislehre" (auch „Glacial-Kosmogonie" genannt) begründete, da war sie noch eine durchaus legitime Protowissenschaft. Später bauten er und Fauth immer mehr esoterisches Gedankengut in ihre Theorie ein und gerieten in immer größeren Dissens zur „offiziellen Wissenschaft" - sie wurde spätestens 1913 zur Parawissenschaft. Schließlich wurden wesentliche Grundlagen der Welteislehre klar widerlegt, aber viele ihrer Anhänger blieben ihr treu und zogen nun die Forschungsergebnisse der Astronomie in Frage - die „WEL" verkam zur Pseudowissenschaft.
     

    Offen für alles?
    Wer sich mit Grenzwissenschaften beschäftigt, der muß vor allem „offen" sein. Man darf sich nicht von seinen Vorurteilen, seinen Vorlieben, seinen Abneigungen leiten lassen. Man muß sich auch auf ungewöhnliche Denkansätze einlassen. Vor allem bedeutet Offenheit, daß man keine Behauptung von vornherein und ohne Prüfung ablehnt.

    Ein Beispiel, was „Offenheit" bedeuten kann: Die Astrologie ist für viele das klassische Beispiel einer Pseudowissenschaft. Gunther Sachs, nicht nur Multi-Millionenerbe und Ex-Playboy, sondern auch studierter Mathematiker, der seine Wissenschaft ernst nimmt, kam auf die Idee, statisch untersuchen zu lassen, ob an Geburtshoroskopen etwas dran ist. Er ließ drei Forscher die Zusammenhänge zwischen Sternzeichen und Verhaltensweisen prüfen. Die Resultate bestätigen viele Annahmen der Astrologie: Waage-Geborene studieren besonders gerne Jura, Steinböcke werden besonders oft als Drogenhändler verurteilt, die Suizidneigung ist bei verschiedenen Tierkreiszeichen unterschiedlich usw.. Ferner ließ Sachs die Ergebnisse von Statistikern der Universität München, Gutachtern des statistischen Bundesamtes und in einer unabhängigen Untersuchung des Instituts für Demoskopie in Allensbach prüfen.
    Die bei wissenschaftlichen Außenseitern eher unbeliebte GWUP reagierte in ihrer Zeitschrift „Der Skeptiker" mit einem sehr sachlichen Artikel des Würzburger Statistikers Herbert Baslers. Basler räumt ein, daß die von Sachs beauftragten Untersuchungen gezeigt hätten, daß astrologische Hypothesen mathematisch überprüfbar sind. Die Ergebnisse stellten echte interpretatorische Knacknüsse für Astrologie-Skeptiker dar. Allerdings stellte er die Signifikanz der Untersuchungen im Einzelfall in Frage und weist gerade dem Allensbacher Institut Fehler nach, aber er ermutigt Sachs und andere zum Weitermachen. Basler ist „offen" im oben genannten Sinne.

    Interessanterweise hatte dieser Artikel einige Monate später ein wenig „offenes" Echo im Editorial der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft". Chefredakteur Reiner Korbmann warf den Skeptikern vor, dem Mythos Astrologie auf dem Leim gegangen zu sein. Sie hätten übersehen, daß Sachs nicht die Konstellationen der Gestirne, sondern den Einfluß des Geburtsdatums auf das Verhalten untersucht hatte. Das aber richte den Blick z. B. auf durch die je nach Jahreszeit unterschiedlichen frühkindlichen Erfahrungen.
    Absehen davon, daß die Redaktion des „Skeptiker" die in Baslers Studie aufgezeigten Fehler als Bestätigung ihrer astrologiefeindlichen Haltung sieht, und auch abgesehen davon, daß die Fragestellung von Sach Studie lautete „Ist an Geburtshoroskopen etwa dran?" und nicht etwa „Stimmt das Lehrgebäude der klassischen abendländischen Astrologie?" griff Korbmann Positionen an, die die meisten „ernsthaften" Astrologen längst geräumt haben. Kaum ein „moderner" Astrologe setzt eine kausale Wirkung der Planeten voraus (z. B. in Form irgendwelcher Strahlen). Die Grundlage der esoterischen Astrologie ist das Analogiedenken: „Wie oben, so unten, wie innen, so außen". Viele Astrologen, vor allem die psychologisch orientierten, gehen auch von der jungschen Sychronizität oder verwandten Theorien aus. Margit und Rüdiger Dahlke, als Herausgeber der „Sternzeichen-Meditation" über jeden Verdacht Astro-Gegner zu sein erhaben, schreiben in „Die spirituelle Herausforderung" z. B. ausdrücklich: „Der Saturn beeinflußt die Menschen genau so wenig wie die Menschen den Saturn". Auch den sowohl bei Astrologiegläubigen wie -gegner weitverbreiteten Irrglauben, Astrologie sei eine Methode, die Zukunft vorherzusagen, erteilen sie eine klare Absage: „Ohne zusätzliche hellseherischen Fähigkeiten kann kein Astrologe aus dem Horoskop den konkreten Lebensverlauf eines Menschen herauslesen."

    Skepsis ohne Offenheit, Toleranz, den Verdacht, der andere könne Recht haben, verkommt zum Dogmatismus. Offenheit ohne die Bereitschaft zur Skepsis, zur Kritik und Prüfung, vor allem zur Selbstkritik. verkommt zur Leichtgläubigkeit.

    Martin Marheinecke, März 1999
     

    Nachtrag:
    Ich hatte im Frühjahr 1999 einen kleinen eMail-„Briefwechsel" mit Rainer Korbmann. Dabei stellte sich heraus, daß Herr Korbmann gar nicht genau wußte, was er da ablehnte - im Gegensatz z. B. zu den „Skeptikern" vom GWUP, die sich immerhin mit den Argumenten der „Gegenseite" beschäftigen, um sie widerlegen zu können. Ich rechne es Korbmann sehr hoch an, daß er sich auf eine Diskussion mit einem schlichten „Normalleser" einließ, und daß er, nachdem ihm die Sachlage klar war, ohne wenn und aber einräumte, daß er die Reaktion der „Skeptiker" (und auch meine Position) mißverstanden hätte. Darin zeigt sich, daß Korbmann ein „echter Wissenschaftler" ist: er ist bereit, die Meinung zu ändern, wenn sich die Sachlage ändert. „Verknöchert" und „verbohrt" sind nach meiner Erfahrung eher die Pseudowissenschaftler.
    Dieser Artikel wurde erstmals im März 1999 im "World of Cosmos" (Clubzeitschrift des SFC Black Hole Galaxie), Heft 19, veröffendlicht.
    Literatur:
     John L. Casti: Verlust der Wahrheit (Paradigmas Los t), Droemer Knaur, München, 1990
    Margit und Rüdiger Dahlke: Die spirituelle Herausforderung , Heyne, München, 3. Auflage 1996
    Rainer Kakuska: Der Esoterik-Leitfaden , „Psychologie heute" bei Heyne, München, 1994
    Gero v. Randow (Hrsg.): Mein paranormales Fahrrad und andere Anlässe zur Skepsis , Rowohlt, Hamburg, 1993
    David Ruelle: Zufall und Chaos (Chance and Chaos ) 2. aktualisierte Auflage, Springer,Berlin-Heidelberg, 1994
    Hans-Otto Wiebus: Lexikon der Jugendkulte , Heyne, München, aktualisierte Auflage 1997
    Dieter E. Zimmer: Experimente des Lebens , Heyne, München, 1993

    „Der Skeptiker" , Zeitschrift der GWUP, Heft 3/1998
    „bild der wissenschaft" , DVA, Stuttgart, Heft 3/1999


    Zurück zum Seitenanfang

    Zurück zur Übersicht Grenzwissenschaften

    Zurück zur Hauptseite