„GÖTTER" AUF TÖNERNEN FÜSSEN
 
Nein, dies ist kein Artikel über Sekten, Gurus, selbsternannte Priester usw., sondern über die „Astronauten-Götter" der Paläo-Astronautik. Ich möchte in ihm darlegen, wieso ich von dieser Hypothese recht wenig halte.
Einige Dinge vorweg: Es geht hier nicht um mögliche Eingriffe „übernatürlicher" oder „höherer" Wesen, sondern um Astronauten aus Fleisch und Blut, die in materiell „anfaßbaren" Raumschiffen flogen. Es geht also nicht um religiösen Glauben (im weitesten Sinne) oder um Esoterik. Solche religiösen Aussagen lassen sich prinzipiell nicht widerlegen. Zum Beispiel hat ( glücklicherweise) noch niemand nachweisen können, daß es den Germanengott Thor nicht gibt. Allerdings ist selbst Dogmen vom Kaliber der "unbefleckten Empfängnis" wissenschaftlich nicht beizukommen. Wissenschaftliche Aussagen dagegen zeichnen sich dadurch aus, daß sie prinzipiell widerlegbar (fasifizierbar) sein müssen. Es gibt also in der Wissenschaft keine „letzten Wahrheiten".
Es geht auch nicht um die „Aussaat"-Hypothese: Eine hochentwickelte Zivilisation fördert die Entwicklung intelligenten Lebens, wo immer sie kann. Die meisten SF-Fans dürften diese Hypothese aus „2001 - Odyssee in Weltraum" kennen. Eine „stärkere" Fassung geht davon aus, daß die Außerirdischen erfolgversprechenden Lebensformen auf verschiedenen Planeten gezielt ansiedelten. Im Unterschied zur Paläo-Astronautik bleiben die „Anderen" im Hintergrund, sie mischten sich nicht unseren „inneren Angelegenheiten" ein. Diese Annahme hat gerade für nachdenklichen Menschen mit einer philosophischen Ader ihren Reiz. Sie paßt gut zu dem, was die meisten von uns unter „hochzivilisiertem Verhalten" verstehen, ist frei von logischen Widersprüchen und nicht zuletzt eine angenehme „Ersatzreligion": Wir haben einen freundlichen „Seniorpartner" im All, der uns geholfen hat und uns vielleicht wieder helfen wird, der uns aber sonst in Ruhe läßt. Aber auch diese Hypothese ist nicht so ohne weiteres widerlegbar - es ist nicht möglich, nachzuweisen, daß keine „Aussäher" gibt.
Auch die Grundhypothese, daß irgendwann in der Vergangenheit, aus welchen Gründen auch immer, außerirdische Astronauten auf der Erde landeten, lehne ich keineswegs ab. Schließlich bin ich sowohl von der Existenz außerirdischer Zivilisationen wie von der prinzipiellen Möglichkeit der interstellaren Raumfahrt überzeugt. Ich halte diese Möglichkeit nur für sehr unwahrscheinlich.
Also, es geht mir um die Paläo-Astronautik im engeren Sinne: In den Mythen vieler Völker wird übereinstimmend von überlegenen Wesen berichtet, die vom Himmel kamen und den Menschen die Kultur brachten. Die Paläo-Astronautik nimmt das wörtlich und faßt die Götter als Außerirdische auf. Diese Außerirdischen mischten sich über lange Zeit hinweg massiv in die Entwicklung des Menschen  ein. Wir verdanken ihnen nicht nur die Grundlagen unserer Kultur, sie halfen unseren Vorfahren auch beim Bau heute rätselhafter  Bauwerke. Ja, eigentlich verdanken wir es nur ihren Gen-Experimenten, daß wir nicht mehr als Affen in der afrikanischen Steppe herumlaufen!
In der Science Fiction ist diese Idee ein alter Hut: Schon Kurt Laßwitz erwähnte sie 1897 in seinem Roman „Auf zwei Planeten". Jack London schrieb 1912 die faszinierende Erzählung „Der Rote" um ein im Regenwald der Insel Guadalcanal gelandetes kugelförmiges Raumschiff, das von den Einheimischen als Gott verehrt wird. Seit den 30er Jahren gehören die „Entwicklungshelfer aus dem All" zum Standard-Repertoire der SF, man denke nur an E. E. Smith berühmten „Lensman"-Zyklus. „Perry Rhodan" lebt geradezu von dieser Idee, die auch z. B. in „Star Trek" auftaucht.

Bis in die späten 60er Jahre kursierte diese Hypothese außerhalb der SF nur in UFOlogen-Kreisen. Mit dem 1968 erschienenen Buch „Erinnerungen an die Zukunft" von Erich von Däniken änderte sich das Bild. Seit dieser Zeit erzielten Bücher über „Ancient Astronauts" z. B. von Carroux, Sitchin, Buttlar und immer wieder von Däniken selbst Millionenauflagen, es gibt Paläo-Astronautische-Gesellschaften, -Fernsehdokumentarserien, - Filme, -Kongresse.

Ich konzentriere mich auf Erich von Däniken, da er der bekannteste Vertreter dieser Denkrichtung ist.

Obwohl ich von der Paläo-Astronautik wenig halte, möchte mich nicht als „Skeptiker" bezeichnen. Diese Bezeichnung ist mir suspekt geworden. In der Alltagssprache bedeutet Skeptiker „Zweifler". Damit bin ich einverstanden. Leider ist es so, daß jene, in sich in der Diskussion um „Randgebiete der Wissenschaften" (von UFOs bis Telepathie) „Skeptiker" nennen, allzuoft „Ablehner" sind, die eben KEINE Zweifel mehr haben, das daß alles Unsinn ist. Ich bin dagegen gerne bereit, meine Meinung zu ändern - wenn die Argumente gut sind.
I. Oft gibt es bessere Erklärungen als die der Paläo-Astronautik
 
1. Was ist eine „gute" Erklärung?
Rainer Kakuska schreibt in „Der Esoterik-Leitfaden": „Obwohl die Verfechter dieser These ( der Paläo-Astronautik - M. M. ) die 'Beweise' sehr großzügig in ihrem Sinne interpretieren, klänge der allgemeine Spott über sie doch überzeugender, wenn man eine bessere Erklärung für die Rätsel der Vergangenheit hätte, auf die sie hinweisen."

Für viele „Rätsel der Vergangenheit" gibt es in der Tat bessere Erklärungen, als die, die z. B. Däniken anbietet.
Woran erkenne ich aber, welche von mehreren möglichen Erklärungen die beste ist? In einigen Fällen ist das klar: Die, die durch Fakten bewiesen ist. Leider sind Fakten in der Frühgeschichte normalerweise nicht sehr dicht gesäht. Es gibt aber noch ein weiteres Kriterium: Vor mehr als 600 Jahren formulierte der Philosoph William Ockham einen Grundsatz, der sich seitdem als geistige Richtschnur beim Aufstellen brauchbarer Theorien bewährt und immer wieder bestätigt hat: das „Rasiermesserprinzip" (englisch „Occams Razor"). Es besagt, daß man bei der Suche nach Theorien, die ein bestimmtes Phänomen erklären sollen, alles „wegschneiden" müsse, was überflüssig sei, weil sich die gesuchte Erklärung auch mit weniger Aufwand, mit einfacheren Annahmen und plausibleren Gründen finden lasse. In einem Satz: „Von allen Erklärungen, die in einem bestimmten Fall denkbar sind, ist die einfachste die beste."

Ein Beispiel, das aus dem Memoiren des 1989 verstorbene Wissenschaftsjournalisten Hoimar von Dithfurth stammt:

„Wenn an einem schönen Sommertag unversehens ein Kolibri durch mein geöffnetes Fenster hineinflöge und sich auf meiner Schreibtischlampe niederließe, könnte ich mir auf diesen zweifellos ungewöhnlichen Vorfall auf verschiedene Weise einem Reim zu machen versuchen. Ich könnte zum Beispiel den Gedanken erwägen, daß im raumzeitlichen Kontinuum soeben eine 'relativistische Verwerfung' erfolgt sei, die den unglücklichen Kolibri vermittels einer Art quantenphysikalischen ‘Durchtunnelung’ von einem Augenblick zum anderen aus seiner Urwaldheimat in mein Arbeitszimmer verschlagen habe - ein grundsätzlich statthafter erster Erklärungsversuch. Allerdings würde ich mich intellektuell disqualifizieren, wenn ich an diese 'ersten Hypothese' nicht sofort Ockhams Rasiermesser anlegte und nach einfacheren Erklärungen suchte. Dabei würde ich schließlich zu der Annahme kommen, daß einer meiner Nachbarn vermutlich eine Voliere mit Tropenvögeln hat, deren Tür nicht fest genug verschlossen war. Wenn jemals ein Kolibri bei mir erscheinen sollte, würde ich das jedenfalls für die einfachste Erklärung halten - und hätte mit dieser 'Theorie' dann mit Überwältigender Wahrscheinlichkeit den tatsächlichen Sachverhalt getroffen. (Es mag sich jede selbst ausmalen, was von all den UFO-Gespinsten, `Levitations-Phänomenen' und Gurukräften übrigbliebe, wenn die Fans den Objekten ihrer abergläubischen Verehrung nur einmal mit Ockhams nützlichen Werkzeug zu Leibe rücken würden.)" 

Persönliche Anmerkung: Die Anwendung von Ockhams Messer spricht nicht immer, wie Dithfurth offenbar meinte, gegen „parapsychologische" Erklärungen. Manchmal ist es sehr viel einfacher, anzunehmen, der Mensch hätte verborgene Sinne, als - wie einige „Skeptiker" z. B. im Falle des Wünschelruten-Phänomens - massiven Selbstbetrug, extrem ausgeklügelte Betrugsmethoden und großangelegte Verschwörungen zu postulieren.

Im allgemeinen sind die Erklärungen der Archäologie besser, d. H. einfacher , als die der Paläo-Astronautik, die eine kühne Annahme auf die andere türmt. 

2. Die frühgeschichtlichen Großbauten
Für die moderne Archäologie ist es durchaus kein Rätsel mehr, wie die altägyptischen Pyramiden mit den technischen Mitteln ihrer Zeit errichtet werden konnten. Nach ihren Berechnungen mußten rund 4000 Arbeiter an der Baustelle (mehr würden sich im Wege stehen), zu denen nochmals maximal 40000 beim Transport und im Steinbruch kommen, vielleicht 30-50 Jahre lang nach einer straffen Planung arbeiten. Als Arbeitskräfte wurden wahrscheinlich Bauern rekrutiert, die in der Zeit der Nilschwemme ohnehin nicht auf den Äckern arbeiten konnte. Aber man brauchte eben keine „hunderttausenden von Arbeitssklaven", die das spärliche Ackerland der Niloase schwerlich hätte ernähren können. Der Pyramidenbau belastete das Staatswesen sicher nicht mehr als ein größerer Krieg.

Sicherlich stehen hinter diesen Rekonstruktionen einige Fragezeichen. Aber die Antworten der Archäologie sind einfacher als die von Dänikens - und sie passen besser zu den Reliefbildern von Arbeiterheeren, die riesige Steinblöcke auf Gleitschlitten ziehen, als hypothetische außerirdische Helfer. An den vielen unvollendeten Steinblöcken, Statuen und Säulen, die sich in den Steinbrüchen finden, lassen sich die Bearbeitungsmethoden erkennen. Es wurden offensichtlich Steinstößel und Holzkeile verwendet. Granit und anderes sehr hartes Gestein wurde mit ca. sechs Kilogramm schweren Doleritkugeln bearbeitet. Diese wurden als Stampfer montiert und gegen den Granit geschleudert, wobei sie den Stein pulverisierten. An weichem Gestein findet sich Abrieb, der auf Werkzeuge aus einer Kupfer-Arsenbronze hinweist -auch die dazugehörigen Kupfermeissel, die von dafür abgestellten Zuarbeitern ständig nachgeschärft werden mussten, wurden gefunden. Es finden sich an den Monumenten Markierungen, die auf genial ausgeklü:gelte, aber mit einfachen Hilfsmitteln Spuren, die auf z. B. Diamantsägen oder vielleicht sogar auf Laserschneider hinweisen könnten, sucht man dagegen vergeblich. Im Prinzip lassen sich diese in Ägypten gewonnen Erkenntnisse auch auf andere alte Kulturen übertragen.

Im Falle der Steinmonumente von Stonehenge wurden seit 1924 immer wieder verschiedene mögliche Methoden experimentell erprobt, wie die im Durchschnitt 40 Tonnen schweren Steine behauen, über bis zu 240 km Entfernung transportiert und ausgerichtet werden konnten. Je Tonne Gewicht benötigt man beim Schlittentransport 22 Mann - also 880 Mann je Hauptstein, die etwa einen Kilometer je Tag zurücklegen konnten. Für Stonehenge brauchte man, diesen Experimenten zufolge, 1500 Arbeitskräfte und fünf Jahre Transportzeit. Tatsächlich wurde an Stonehenge und anderen Monumenten seit 2800 v. u. Z. bis ca. 1600 v. u. Z. gebaut - die enorme Leistung wurde also über viele Generationen verteilt. Das ist nicht ungewöhnlich, schließlich dauerte auch der Bau der gotischen Kathedralen Jahrhunderte.
Aufrichten eines Monolithen
3. Die verblüffendem Übereinstimmungen zwischen weit voneinander entfernt lebenden Kulturen
Bestimmte Architekturformen, Techniken, Rituale, Kleidungs- und Kunststile usw. finden sich in verschiedenen, manchmal durch Ozeane getrennte, Kulturen. Die Pyramiden Mittelamerikas gleichen den Zikkuraten Mesopotamiens, die Steinbeabeitungstechniken in den Anden entsprechen denen in Anatolien, ähnliche Bootstypen finden sich am Nil und am Titicacasee usw. usw. . Besonders verblüffend ist es, wenn auf zentralamerikanischen Reliefs Elefanten dargestellt sind (die es dort nicht gab). Auf einem altagypischen Fresko ißt eine Prinzessin eine Wassermelone (die aus Amerika stammt), die Süßkartoffel z. B. stammt aus Südamerika und war schon vor der Ankunft europäischer Seefahrer im ganzen pazifischen Raum, von Neuseeland bis Hawaii, verbreitet. Die Urheimat des Flaschenkürbis liegt in Westafrika - als Nutzpflanze wurde er lange vor Columbus in Südamerika und auf den polynesisischen Inseln verwendet. Von Däniken vermutet in diesen und ähnlichen Fällen die Vermittlung von Außerirdischen. Es gibt einfacherer Erklärungen.

Viele verblüffend ähnliche Kulturmerkmale sehr weit auseinanderliegender Zivilisationen können problemlos durch parallele Kulturentwicklung erklärt werden. Alle Hirtenkulturen, egal wo und zu welcher Zeit sie entstanden, haben unverkennbare typische „Hirtenmerkmale". Die Regenwaldbewohner des Amazonasbeckens und die Indonesiens entwickelten unabhängig voneinander identische Jagttechniken (Blasrohr mit Giftpfeil), Stammesorganisationen, Geräten usw.. Gerieten in einem Völkerkundemuseum die Sammlungen der südamerikanischen Waorani und der Eingeborenen Sarawaks durcheinander, könnten nur wenige Experten sie wieder auseinandersortieren. Selbstverständlich gilt dieses Prinzip auch für städtische Kulturen - jeder Stadt braucht ein Straßennetz, eine Verwaltung, Marktplätze usw.. 
Nicht alle Rätsel ähnlicher Kulturen können so einfach aus der Welt geschafft werden. Für Probleme wie z. B. die Elefanten auf  Maya-Reliefs, gibt es eine andere Erklärung: Kulturelle Diffusion.
Die Diffusions-Theorie geht davon aus, daß auch weit voneinander entfernt lebende Kulturen miteinander im Kontakt standen - auch über Ozeane hinweg. Ein prominenter „Diffusionist" ist z. B. Thor Heyerdahl, der mit nachgebauten Wasserfahrzeugen des Altertums im Experiment Ozeanreisen unternahm (mit dem Balsafloß „Kon Tiki" zwischen Südamerika und Polynesien, mit dem Papyrusboot „Ra" über den Atlantik und mit dem Schilfboot „Tigris" zwischen Mesopotamien und Ägypten.) Mit einem seetüchtigen Schiff und einer einigermaßen brauchbaren Navigation ist ein Ozean kein Verkehrshindernis mehr, sondern ein Verkehrsweg. Die Phönikier z. B. oder die Polynesier hatten gute Schiffe und kannten sich in astronomischer Navigation aus. Für diese Völker ließen sich Güter per Schiff viel einfacher transportieren als auf dem Landweg.
Der Diffisionismus ist allerdings nicht ganz unumstritten. Allzuoft wurde er von leicht mystischen Theoretikern vertreten, die alle Kulturen der Welt auf ein geheimnisvolles „Kulturzentrum" -  wahlweise in Mesopotamien, Atlantis, Lemuria, Cornwall oder Nordindien angesiedelt - zurückführen wollten. Diese „Weiße-Götter-Hypothese" wurde von einigen (deutlich rassistisch geprägten) Autoren auf die Spitze getrieben, in dem sie alle „farbigen" Völker quasi die Kulturfähigkeit absprachen - alle hochentwickelten Kulturen außerhalb des europäischen Raums seien von vorgeschichtlichen Kolonisatoren „mitgebracht" worden. Kein Wunder, daß Diffusionstheorien gerade bei den selbstbewußten Vorgeschichtsforschern Lateinamerikas herzlich unbeliebt sind!

Gegen der „Rassismus/Kolonialismus"-Vorwurf läßt sich zweierlei einwenden: Erstens gehörten auch „farbigen" Völker wie die Polynesier, die Westafrikaner oder die Malayen zu den „Ozeanreisenden". Zweitens dürfte es sich bei der „Diffusion" in den seltensten Fällen um „Entwicklungshilfe" oder „Misionssarbeit" gehandelt haben - und schon gar nicht um das „Mitbringen" einer kompletten Kultur.
Obwohl in Schweden in Gräbern aus der Wikingerzeit Buddhastatuen und arabische Münzen gefunden wurden, nimmt kein Mensch an, die Inder oder Araber hätten den Wikingern ihre Kultur „gebracht" - oder umgekehrt. Es ging einfach um Fernhandel (und gelegentliche Raubzüge). Im vorkolonialen Afrika kam es vor, daß Öllampen arabischer Herkunft im Tauschhandel den ganzen Kontinent „durchwanderten" - ohne gezielte „Handelsexpeditionen". Viele Afikaner wußte nicht einmal, vorher die Waren kamen, mit denen sie handelten.
Der gegen den Diffusionismus vorgebrachte Vorwurf, er spräche Völkern die Kulturfähigkeit ab, trifft noch viel härter auf die Paläo-Astronautik zu: Sie stempelt im Grunde genommen alle unseren Vorfahren zu Dummköpfen, da sie wohl für alles und jedes Anregungen „von oben" brauchten!
Seefahrten vor Columbus

4. Erstaunliche technische Errungenschaften aus dem Altertum (z. B. antike elektrische Batterien)
Raten Sie einmal, welche Epoche ich jetzt beschreibe: Die Landwirtschaft setzt seit einigen Jahrzehnten mit Zugtieren bespannte Landmaschinen wie Mähmaschinen und mechanische Eggen ein. Ein weites Netz gepflasterter Fernstraßen wird ausgebaut, die gängigsten Baustoffe für Häuser und Brücken sind Beton und industriell hergestellte Backsteine. In wohlhabenden Privathäusern gibt es verglaste Fenster, Fußbodenheizungen und fließendes Wasser. Keramik und Metallwaren werden in Großserie industriell hergestellt; Wasserturbinen lösen allmählich die unterschlächtigen Wasserräder ab. Ein verbreiteter Gag: Automaten, die nach dem Einwurf einer Münze eine abgemessene Portion Weihwasser abgeben.

Richtig, ich beschreibe das römische Reich im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung!
Dieses kleine Beispiel zeigt nicht nur, welche technischen Errungenschaften es schon im Altertum gab, sondern auch, daß Erfindungen auch wieder vergessen oder aufgegeben werden können. Wie Däniken selber einmal schrieb: „Fortschritt ist keine Einbahnstraße". Es zeigt aber auch, daß unser Bild vom Leben „in alten Zeiten" oft grotesk „neuzeit-chauvinistisch" verzerrt ist. Daneben läßt uns allzuoft ein „Eurozentrismus" die Leistungen der nicht-europäischen Völker unterschätzen. Die „alten" und die „exotischen" Kulturen konnten mehr, als viele Schulgeschichtsbücher uns selbst heute noch weismachen möchten!

Zurück zu Dänikens Argumenten: Es ist in der Tat erstaunlich, wenn er in seinen Büchern Abbildungen von Flugzeugmodellen aus der Prä-Inkazeit und dem alten Ägypten zeigt, elektrische Batterien der Parther (um 250 v. u. Z.) oder die Überreste der rätselhaften „Maschine von Antikythera", eines mechanischen Rechengerätes für astronomische Berechnung, das im Wrack eines 80 v. u. Z. gesunkenes Schiffes gefunden wurde oder gar die geschliffenen Kristallinsen aus Anatolien (um 800 v. u. Z.).

Man könnte natürlich die Bedeutung dieser Funde wegdisskutieren. Das machen einige Historiker in der Tat gerne - und stärken damit ungewollt die Position der Paläo-Astronautikern: „Seht her, diese technischen Geräte passen nicht in das etablierte Weltbild!"
Diese erstaunlichen Artefakte passen genau so gut in das „etablierte" Weltbild wie die römischen Wasserturbinen. Für die elektrischen Batterien der Pather gab es eine Anwendung, nämlich das galvanische Vergolden von Schmuck. Für die Erfindung der einfachen elektrischen Zelle brauchten die Parther sicherlich ebensoviel außerirdische Hilfe wie Alessandro Volta, nämlich gar keine! Dagegen löst sie einige Argumente Dänikens sozusagen „elektrolytisch" auf: Hauchdünne Metallüberzüge und feine Strukturen, die nur durch Galvanoplastik hergestellt werden konnten, taugen nicht mehr als „Spuren der Götter". Sogar elektrische Beleuchtungen erscheinen möglich. ( Ich muß in diesem Zusammenhang an eine Filmkomödie denken, in der Kleopatra Cäsar eine alte Grabkammer zeigt - und kurzerhand eine Taschenlampe anknipst. Wer weiß, vielleicht war es ja wirklich so ... )
Die Maschine von Antikythera paßte, als sie seinerzeit entdeckt wurde, tatsächlich nicht ins Weltbild. Man hatte nämlich angenommen, daß Kronenzahnräder erst im späten Mittelalter aufkamen und daß die Kultur der Griechen an „mechanischen Spielereien" wenig interessiert war. Da sie auf einem Schiff gefunden wurde, könnte sie auf eine hochentwickelte astronomische Navigation hinweisen. Auf eine außerirdische Kultur weist sie so wenig hin wie eine Planetariumsuhr aus dem 16. Jahrhundert! Und die Kristallinsen: Vieles von dem optischen Wissen des Altertums ist sogar schriftlich überliefert (die Optik des Archimedes zum Beispiel). Optische Linsen erscheinen bei diesem Stand des Wissens greifbar. Die technische Handhabung verursachte sicherlich auch keine Probleme, da es ja schon eine gut entwickelte Edelsteinschleiferei gab. Andererseits würde ein Linsenfernrohr auf einen Schlag viele der astronomischen Rätsel lösen, die von Däniken so gerne anführt: Die Venusphasen, der Begleiter des Sirus usw. usw..

Und die Flugzeuge? Warum soll es keine Experimente mit Flugmodellen gegeben haben? Schließlich wurden auch Leonardo da Vinci, Degen und Cayley nicht von Außerirdischen heimgesucht. Und Otto Lilienthal schon gar nicht!

II. Wenn man die Thesen der Paläo-Astronautik ernst nimmt, ergibt sich manchmal, daß eben keine Außerirdischen am Werk waren.
1. Großstein-Observatorien
Von den erstaunlichen, nach astronomischen Gesichtspunkten errichteten Großsteinbauten z. B. in Stonehenge war schon die Rede. Eine eher unscheinbare Anlage dieser Art findet man in Nordnorwegen. Sie steht nur wenige Kilometer von der Stelle entfernt, an der die Europastraße 6 den Polarkreis schneidet. Die kultische und astronomische Bedeutung einer Steinsetzung am Polarkreis dürfte klar sein. Eines ist allerdings verblüffend: bei optimalen Beobachtungsverhältnissen mit einem freien Meereshorizont könnte man durchaus nach langen Beobachtungen die exakte Linie gefunden haben, an der in der Mitsommernacht die Sonne nicht mehr unter, in der Mitwinternacht nicht mehr aufgeht. Nun liegt das Polarkreis-Heiligtum auf einer 650 Meter hohen Hochebene, das von noch höheren Gebirgszügen umgeben ist, im einem ausgesprochen hügeligen Gelände. Hier ist die Sonne schon einige Tage vor dem 21./22. Dezember nicht mehr zu sehen und in der Mittsommernacht taucht sie, wenn auch nur kurz, unter den Horizont der Gebirgskette. Von der reinen Naturbeobachtung her liegt das Heiligtum also ganz eindeutig falsch. Seine Erbauer müssen nicht nur das Prinzip des Polarkreises erkannt haben, sie müssen in der Lage gewesen sein, diese abstrakte Linie an einem Ort mit ungünstigen Beobachtungsbedingungen zu finden - und das mit einer Genauigkeit, die von dem mit modernen Meßgeräten festgestellten Polarkreis um noch nicht einmal ganze zwei Kilometer abweicht!
Diese erstaunliche Beobachtung scheint auf eine extrem hochentwickelte Astronomie weitab aller frühgeschichtlichen Hochkulturen hinzudeuten.

Zwei Fakten sprechen allerdings dagegen: Die Schiefe der Ekliptik - und damit auch die Lage der Polarkreise - schwankt im Verlauf von etwa 40.000 Jahren zwischen den Extremwerten 21,9° und 24,3°. Heute liegt der Polarkreis bei ca. 66° 33' nörtlicher bzw. sütlicher Breite. Zur mutmaßlichen Bauzeit des Polarsirkel-Heiligtums lag er gut 40 km weiter n&ourd;rdlich.
Damit liegt die Genauigkeit, mit der diese Steinsetzung errichtet wurde, weit unterhalb der von Stonehenge oder den noch äteren "Kreisanlage" von Kyhna (Sachsen), die auf den Punkt der Sommersonnenwende ausgerichtet ist.
Neue archäologische Funde - wie der der berühmten "Sternenscheibe von Nebra" - zeigen, wie früh präzise astromische Beobachtungen begannen, und zwar weit entfernt von den "klassischen Hochkulturen" Meopotamiens und Ägyptens. Sie zeigen aber auch eine ganz klare Entwicklung von mit Palisaden markierten Kreisen zu immer komplizierteren und aufwändigeren Großsteinanlagen und von einfachen Kalendermarkierungen mit denen sich gerade einmal die Sonnenweden bestimmen ließen zu Markierungssystemen, mit denen z. B. die Vorausberechung von Mondfinsternissen möglich war. Das spricht gegen eine "fertig von außen mitgebrachte" Astronomie, die vermutlich eher im Laufe der Zeit degeneriert wärde, anstatt langsam aber stetig verbessert zu werden.

2. Das „Sirus-Rätsel" und die verblüffend genauen astronomischen Berechnungen „alter" Völker
Ein noch deutlicheres Beispiel: als der französische Anthropologe Marcel Griaule um 1930 das west-afrikanische „primitive" Bauernvolk der Dogon nach ihren astronomischen Überlieferungen befragte, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus: Im Gegensatz zu fast allen präwissenschaftlichen Kulturen glauben die Dogon daran, daß die Planeten sich ebenso wie die Erde um die eigene Achse drehen und gleichzeitig um die Sonne wandern. Noch verblüffender ist ihre Aussage über den Sirius, den hellsten Fixstern am Himmel. Sie glauben, daß er einen dunklen, unsichtbaren Begleitstern besitzt, der den großen Bruder einmal in fünfzig Jahren umrundet. In der Tat hat der mit bloßen Auge sichtbare Stern Sirus A einen Begleitstern, der ihn wirklich alle 50,04 Jahre einmal umkreist! Der europäischen Astronomie ist dieser Sachverhalt erst seit 1844 bekannt. Nun ist dieser Begleiter eben nicht dunkel, sondern ein kleiner, aber heller, weißer Zwergstern!

Das astronomische Wissen der Dogon ist zwar phantastisch - aber „Götter", die die interstellare Raumfahrt beherrschten, hätten es besser gewußt. Woher wußten die Dogon es? Vielleicht von der Universität von Timbuktu (geographisch nahe und ein Zentrum der arabischen Astronomie), vielleicht, wie Carl Sagan meint, von einen europäischen Reisenden, der einige Jahre vor Griaule vorbeigekommen ist. Vielleicht unterschätzen wir auch nur Beobachtungsgabe und Phantasie der „primitiven" Dogon.

Und die so erstaunlich genauen astronomischen Berechnungen der alten Chinesen, der Sumerer, der Ägypten und Mayas? Sie sind in der Tat sehr genau - fast so genau wie moderne Bahnberechnungen z. B. der Venus. Fast! Eine Zivilisation, die mit Astronauten auf „Du und Du" steht, hätte wahrscheinlich mindestens so genaue Daten wie wir heute. Der Beobachtungs- und Rechenaufwand war in der Tat gespenstisch. Mehrere Generation von Mathematikern müssen daran gearbeitet haben. Aber es ging so auch ohne Computer.
3. Warum mieden die „Götter" Kulturen mit hochentwickelter Geschichtsschreibung?
Aus von Dänikens Büchern wird nicht immer deutlich, ob die Außerirdischen den frühen Kulturen persönlich z. B. beim Bau von der Terrassen von Tiahuanaco geholfen haben oder ob sie nur das benötigte Wissen und eventuell die Werkzeuge bereitstellten. Wie auch immer: SIE kamen nicht nur einmal, sondern griffen immer wieder in verschiedene alte Kulturen ein. SIE müssen der Altsteinzeit am Werk gewesen sein, im alten Ägypten, bei den Sumerern, in Süd- und Mittelamerika und so weiter. Sogar noch auf den Osterinseln waren SIE offenbar dabei - zur selben Zeit, als im Europa die gotischen Dome (trotz erstaunlich genauer statischer Berechnungen offenbar ohne außerirdische Hilfe) errichtet wurden. Das letzte Beispiel zeigt, daß die „Götter" nur da auftauchten, wo sie nicht damit rechnen mußten, daß gewissenhafte Chronisten ihr Wirken in genauen Berichten festhielten. Sie tauchten nach 700 v. u. Z. nicht mehr bei den Griechen auf (abgesehen von der „Maschine von Antikythera"), waren seit etwa der selben Zeit nicht mehr bei den Chinesen zur Besuch gewesen, auch z. B. nicht bei den Arabern - aber bei den Tolteken, so um das Jahr 1100, mischten SIE offenbar wieder mit!
4. Es fehlen bisher eindeutige Spuren der „Götter"
Däniken behauptet, daß die außerirdischen Zeichen ihrer Anwesenheit hinterließen, die erst für eine hochindustrialisierte Zivilisation erkennbar sind. Das ist plausibel. Nur - trotz eines beeindruckenden Sammelfleiß von Dänikens und anderer „Acient Astronaut"-Forscher ist bisher so eine Spur nicht aufgetaucht.

Wie könnte so eine Spur aussehen? Ein modernes Werkzeug in einem Braunkohleflötz oder tief im eiszeitlichen Sediment eingeschlossen zum Beispiel. Wenn SIE uns absichtlich von ihrer Anwesenheit informieren wollten, warum deponierten SIE z. B. dann keine unter Schwerelosigkeit gezogene Kristalle in den Pyramiden? Selbst weniger beweiskräftige Artefakte wie Kunststoffe in alten Gräbern, oder antike Mikrochips suchte man bisher vergeblich.

Wenn ein Indiz dieses Kalibers gefunden würde, würde ich über die Paläo-Astronautik ganz anders denken!

Das beste mögliche Argument für außerirdische Besuche wäre natürlich ein Artefakt außerhalb der Erde - wie der schwarze Monolith in „2001 - Odyssee in Weltraum". Ich halte das keineswegs für ausgeschlossen. Manche Autoren, wie Johannes von Buttlar, sind der Ansicht, daß rätselhafte Strukturen wie das „Marsgesicht" oder das „Ruinenfeld" auf dem Mars tatsächlich Artefakte sein könnten. Ich glaube bisher nicht daran, zumal das "Marsgesicht" sich mittlerweile als natürliche Felsformation entpuppt hat   - aber ich lasse mich gerne überzeugen! Offenbar weiß von Buttlar als „gelernter" Wissenschaftler (wenn auch zweifelhaften Rufs) bei allem Mut zur kühnen Spekulation besser als andere, wie ein zwingender Hinweis auf Außerirdische auszusehen hätte.

Mir sind „Außenseiter" der Wissenschaft immer sympathisch gewesen. Sie scheuchen allzu selbstgefällige etablierte Wissenschaftler auf, legen die Lücken im der Schulbuchweisheit bloß, stellen oft die richtigen, unangenehmen Fragen - selbst wenn ihre Antworten falsch sein sollten. Leider disqualifizieren sich die Anhänger der „Ancient Astronauts" sich immer wieder. Nicht durch ihrer unbequemen Annahmen. Sondern weil sie so oft nach dem Prinzip vorgehen: Weil es für eine besondere Erscheinung keine gesicherte Erklärung gibt, muß ihre Deutung zwangsläufig richtig sein.
Wenn von Däniken und andere Paläo-Astronautiker dabei bleiben, in jeder Lederkappe einen Astronautenhelm, in jeder stilisierten Motte ein Flugzeug oder in jedem Mythos über „Himmelswagen" die Beschreibung eines Raumschiffs zu sehen, wenn sie weiterhin einfach eine wackelige Hypothese auf die andere zu türmen, bloßen Sammelfleiß über gründliche, kritische Untersuchungen stellen und viele gesicherte Erkenntnisse der modernen Archäologie schlichtweg ignorieren, werden sie auch künftig selbst dann keine guten Indizien für „Astronautengöter" finden, wenn es SIE wirklich gab. 
Martin Marheinecke, September 1996

Dieser Artikel erschien erstmals in der "World of Cosmos 7" (Clubzeitschrift des SFC Black Hole Galaxie), Dezember 1996 

(Aktualisiert im Januar 2004)

Literatur:
Johannes von Buttlar: Abenteuer Wissenschaft, Heyne, München, 1993
John Coles: Erlebte Steinzeit (Archaeologie by Experiment), Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach, 1980
Nigel Davis: Bevor Columbus kam, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1978
Erich von Däniken: Erinnerungen an die Zukunft, Econ, Düsseldorf und Wien, 1968
Erich von Däniken: Der Götter-Schock, Bertelsmann, München, 1992
Erich von Däniken: Raumfahrt im Altertum, Bertelsmann, München, 1993
Hoimar von Ditfurth: Innenansichten eines Artgenossen, Claassen, Hildesheim, 1989
Rudolf Drösler: Astronomie in Stein, Prisma, Leipzig, 1990
Thor Heyerdahl: Zwischen den Kontinenten, Heyne, München, 1978
Rainer Katuska: Der Esotherik-Leitfaden. „Psychologie Heute" bei Heyne, München, 1994
Wolfram zu Mondfeld: Wikingfahrt 1, Koehler, Herford, 1986
Joachim Rehork: Sie fanden, was sie kannten - Archäologie als Spiegel der Neuzeit, Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach, 1989


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