Gefälschte Erinnerungen?
 
Für jeden, der sich ernsthaft mit sogenannten grenzwissenschaftlichen Themen auseinandersetzt, stellt sich irgend wann einmal die Frage, wie zuverlässig eigentlich unser Gedächtnis ist. Diese Frage stellt sich insbesondere im Zusammenhang mit dem UFO-Phänomen.

Viele offensichtlich geistig völlig gesunde Menschen erinnern sich bei Untersuchungen durch Psychotherapeuten daran, von UFOs entführt worden zu sein. Meist sind es traumatische Erinnerungen an geheimnisvolle grauhäutige Aliens und grausame medizinische Experimente. Es gibt buchstäblich Tausende derartiger Fälle, mit immer wiederkehrenden Grundmustern, aus verschiedenen Kulturkreisen und fast allen Ländern der Erde. Augenscheinlich seriöse Psychologen wie Prof. Dr. John E. Mack schreiben dicke Bücher voller schier unglaublicher Erinnerungen an Entführungen durch Außerirdische, die während therapeutischer Sitzungen ans Tageslicht kamen.

Hier stellt sich die Frage: Sind diese Erinnerungen „echt" - oder „therapeutische Artefakte"? (Die unter Skeptikern weit verbreitete Annahme, dass entweder der Klient oder der Therapeut oder beide schlicht und einfach flunkern, mag in Einzelfällen zutreffen. Ich gehe aber bis auf weiteres davon aus, dass die meisten Therapeuten und Klienten es zumindest subjektiv ehrlich meinen.)

Die zweite Frage in diesem Zusammenhang ist noch weitaus brisanter: Können Menschen dazu gebracht weder, sich an Dinge zu „erinnern", die niemals geschehen sind? Kann man umgekehrt wirklich Erlebtes für unser Bewusstsein ungeschehen machen? Können, anders ausgedrückt, falsche Erinnerun-gen in unser Gedächtnis „eingepflanzt" werden - und zwar ohne aufwendige „Gehirnwäschen" und Drogen?
Solche Manipulationen sind fester Bestandteil der meisten „Verschwörungstheorien", für die UFO-Hypothese ist sie geradezu ein Schlüsselpunkt. Ist es möglich, einem Zeugen einer UFO-Landung „einfach so" zu suggerieren, er hätte nur einen harmlosen Wetterballon gesehen, und zwar so, dass der Zeuge es später selber glaubt? Oder umgekehrt, kann man jemanden, der „nur" ein streng geheimes Flugzeug sah, glauben machen, er hätte ein Raumschiff von Achenar IV gesehen? Ist es vielleicht sogar möglich - fast wie in der SF-Parodie „Men in Black" - das Gedächtnis eines Zeugen einfach zu „löschen"?

Verdrängung
 
Ein zentraler Begriff in diesem Themenkomplex ist der der „Verdrängung". Immer wieder ist von „verdrängten Erinnerungen" die Rede, auf die man normalerweise keinen Zugriff hat, die einem also nicht bewusst sind. Nur besondere therapeutischen Techniken oder bestimmte „Schlüsselerlebnisse" würden einen Zugriff auf diese Erinnerungen, die wir unbewusst vor uns selber geheim halten, erlau-ben. Verdrängung ist dieser Auffassung nach ein automatischer Schutzmechanismus der Psyche. Sie ist die Fähigkeit des Verstandes, sich selbst vor emotionaler Überforderung zu schützten, indem er bestimmte Erfahrungen und Gefühle aus dem Bewusstsein entfernt. Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte später, wenn der Verstand besser damit fertig werden kann, können diese „verdrängten Erinnerungen" Stück für Stück an die Oberfläche des Bewusstseins gelangen - oder ungeplant durch neue traumatische Erfahrungen.
Dieser „Verdrängungsmechanismus" wird gerne als mögliche Erklärung herangezogen, weshalb sich viele - angeblich die meisten - „UFO-Entführungsopfer" sich nicht bewusst an ihre schreckliche Erlebnisse erinnern können - bis auf „komische Gefühle", Alpträume, plötzliche Visionen, Verhaltensstörungen. Erst der kundige Therapeut bringt die schreckliche Wahrheit ans Licht.
Zu meiner Überraschung erfuhr ich von einer befreundeten Psychologin, dass der Begriff „Verdrängung" in vielen Standardwerken zur kognitiven Psychologie überhaupt nicht vorkommt. Er stammt aus der Psychoanalyse, die ungeachtet ihrer Popularität nicht ganz unumstritten ist. Und um die Verwirrung komplett zu machen, verstehen die Psychoanalytiker darunter etwas anderes, als jene Psychologen, die die oben genannte Vorstellung vom „Selbstschutzmechanismus" in den letzten Jahren populär gemacht haben.
Der Begriff „Verdrängung" geht ursprünglich auf Sigmund Freud zurück. Ihm zufolge haben Gefühle die Macht, Erinnerungen zu blockieren. In einer 1915 erschienen Schrift beschrieb er das Phänomen der Verdrängung klar und prägnant: Das „Wesen" der Verdrängung besteht „nur in der Abweisung und Fernhaltung von Bewussten". Nach dieser ursprünglichen Theorie wird „eine Vorstellung absichtlich aus dem Bewusstsein verdrängt". Anders ausgedrückt, will der Klient sich nicht an eine unangenehme Tatsache erinnern! Die Erinnerung an sich ist aber jederzeit vorhanden. Es ist mir als Klient „nur" unangenehm, daran zu denken oder gar darüber zu sprechen. Demgemäss verwendet die klassische Psychoanalyse auch nur relativ sanfte Methoden, wie die freie Assoziation, um verdrängten Erinnerungen auf die Spur zu kommen.
Anders der oben genannte Ansatz der vor allem in den USA sehr verbreitete „Recovery" Theorie (to recover = wiederfinden, wiedererlangen), im Deutschen meist „Aufdeckung" genannt. Sie geht von einer ganz anderen Art Verdrängung aus, einer, die nicht auf einen bewussten, sondern auf einen völlig unbewussten Mechanismus beruht. Die Erinnerung wird nicht durch mit ihr verbundene unangenehme Gefühle blockiert, wie in der Theorie der Psychoanalytiker, sondern steht dem Bewusstsein überhaupt nicht zur Verfügung. Der Klient kann sich beim besten Willen nicht erinnern, nur seine Verhaltensauffälligkeiten und Gefühle, die er sich nicht erklären kann, verraten, dass da etwas ist.
Sexueller Missbrauch - Prüfstein der „Recovery Theorie" der Verdrängung
 
Die Recovery-Theorie der Verdrängung geriet in den letzten zehn Jahren durch ein Phänomen in die Diskussion, das noch viel erschreckender ist, als die möglichen UFO-Entführungen, und an dessen Realität es im Gegensatz zu ihnen - leider! - auch unter „Erzskeptikern" kaum Zweifel gibt: Dem sexuellen Missbrauch von Kindern.
Obwohl nachweislich viele Kinder sexuell missbraucht wurden und werden, und obwohl wahrscheinlich noch weitaus mehr „Sexualdelikte an Minderjährigen" unentdeckt bleiben, brachten „aufdeckungs-orientierte" Psychotherapeuten und von ähnlichen Annahmen ausgehende Selbsthilfegruppen so viele „Fälle" ans Licht, dass selbst eine noch so große Dunkelziffer unentdeckt gebliebener „Kinderschändungen" nicht hinreicht, diese wahrlich erschreckenden Zahlen zu erklären. Rechnet man einige Ergebnisse hoch, müsste schätzungsweise jede dritte Frau und jeder vierte Mann in der Kindheit sexuell missbraucht worden sein!
Einige radikale Feministinnen nehmen diese Zahlen sogar ernst und benutzen sie als politische Munition, während vor allen in den USA ultrakonservative und hypermoralische Kreise diese aberwitzig hohen Missbrauchsziffern für ihre Feldzug für eine repressive Sexualmoral missbrauchen. Im Endeffekt führten solche Ergebnisse aber dazu, dass sich die Anhänger der Recovery-Theorie einige kritische Fragen gefallen lassen mussten.
Vor allem die Methodik der Aufdeckungs-Psychologie geriet in das Kreuzfeuer der Kritik. Sie beruht nämlich auf einen auf einem Ansatz aus der Frühzeit der Psychoanalyse, den Sigmund Freud selber später wieder aufgab: Gerade der heftige Widerstand des Klienten deutet demnach darauf hin, dass eine verdrängte Erinnerung vorliegt. Meint er also, er könne sich nicht erinnern, deutet gerade das auf eine besonders tief verdrängte Erinnerung hin.
Der andere Kritikpunkt ist der behavioristische Ansatz der Recovery-Theorie. Die heute als veraltet geltende klassische behavioristische Psychologie betrachtet den menschlichen Verstand als „Black Box". Nur das Verhalten ist sichtbar, und dieses Verhalten gilt es so einfach wie möglich mit aus der Naturwissenschaft bekannten Ansätzen zu erklären. Sie sieht den Menschen vor allem von bedingten Reflexen, von Konditionierungen, gesteuert, geht also von einem mechanistischen Menschenbild aus.

Die Recovery-Psychologie stellt sich, einfach gesagt, das Gedächtnis als eine Art Videoband vor, dass - gerade in Stresssituationen - alles mit höchster Genauigkeit „aufzeichnet". Wurde nun ein Kind von einer Vertrauensperson misshandelt, von der es Liebe erwartet, z. B. einem Elternteil, einem engen Freund oder einem Erzieher, dann will es die schreckliche Tatsache nicht wahr haben und verdrängt sie - mechanisch könnte man sich das als Zugriffssperre vorstellen. Nur charakteristische Dysfunktionen deuten auf das schreckliche Erlebnis hin - wobei einige Psychologen dieser Richtung nicht nur schwere Neurosen oder dissoziative Persönlichkeitsstörungen als Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch deuten, sondern sogar „ganz alltägliche" Verhaltensstörungen wie Bettnässen (bei Kindern!), scheinbar unmotivierte Aggressivität und ganz speziell alles, was ihnen als nicht altersgemäßes Sexualverhalten erscheint.
Einige - zumeist nicht psychologisch ausgebildete - „Missbrauchsexperten" gehen sogar so weit, selbst bei anscheinender Symptomfreiheit sexuellen Missbrauch zu vermuten, wenn das Kind bestimmte „Schlüsselsignale" äußert.
(In einem konkreten Fall wurde eine überbesorgte Kindergärtnerin misstrauisch, als ein sechsjähriger Junge immer wieder Dinosaurier mit langen, dicken Schwänzen zeichnete. Der Verdacht reichte immerhin aus, dass das Jugendamt einschritt, Anzeige gegen die Eltern erhob und den Jungen und seine Geschwister sicherheitshalber in einer Gastfamilie unterbrachte. Wohlgemerkt in Deutschland, nicht bei den „prüden Südstaaten-Amis"!)

Überspitzt gesagt: Wer sich nicht erinnern kann, sexuell missbraucht worden zu sein, könnte eben nur besonders schlimme Erinnerungen besonders tief verdrängt haben. (Hier gleicht die Argumentation besonders eifriger UFO-Entführungs-Theoretiker denen der extreme Missbrauchs-Theoretikern bis auf einige ausgetauschte Vokabeln.) Der Therapeut kann die „Zugriffsperre" brechen, der Widerstand des Klienten weißt ihm den Weg. Ist die „Sperre" beseitigt, tritt das ganze unangenehme Wahrheit ans Tageslicht, in allen Details.
Schwere Traumata „vergisst" man nicht
 
Die Verdrängung - im Sinne der Psychoanalyse - gibt es höchstwahrscheinlich wirklich, und es besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass „verdrängte Erinnerungen" mitunter zu Neurosen und Verhaltensstörungen führen. Peinliche und unangenehme Erlebnisse verstecken wir offenbar erfolgreich vor uns selbst - und in den meisten Fällen ist das völlig harmlos und sogar angemessen. In der Alltagssprache heißt „gesunde Verdrängung" schlicht „Schwamm drüber!"
Anders sieht es mit „traumatischen Erlebnisse", wie schweren Unfällen, Vergewaltigungen, Folter - oder auch Entführungen - aus. Solche gravierenden Ereignisse bleiben in der Erinnerung präsent. Kinder vergessen Traumata offensichtlich ebenso wenig wie Erwachsene. Im Gegenteil: Wie diesen drängt sich Kindern die Erinnerung an erlittene Traumata auch dann geradezu auf, wenn sie es nicht wollen. Das schreckliche Geschehen „geht ihnen nicht aus dem Kopf". Befragungen von Kindern, die beispielsweise Zeugen von Entführungen mit Todesdrohung waren oder einen Überfall auf ihre Schule erlebt hatten, bei dem Kinder erschossen wurden, oder von Kindern, die die Ermordung ihres Vaters oder ihrer Mutter mit ansehen mussten, und auch von Kindern, die nachweisbar vergewaltigt oder schwer misshandelt wurden, zeigen deutlich: Die Kinder verdrängten das traumatische Ereignis nicht, sie konnten es nicht verdrängen, unter Angst und Schmerzen und gegen ihren Willen mussten sie sich immer wieder daran erinnern. Die Befragungen stießen zwar auf Gedächtnislücken, aber die Vorfälle an sich waren präsent. Es stimmt nach allen Erfahrungen der Gedächtnispsychologie einfach nicht, dass z. B. ein Mädchen, dass als Vierjährige vom eigenen Vater vergewaltigt wurde, das schreckliche Geschehen über Jahre verdrängt und die Erinnerungen nach Jahren plötzlich wieder abrufbar sind. (Womöglich mit fotografischer Wiedergabetreue.)
Die Recovery-Theorie geht, wie bereits erwähnt, davon aus, dass traumatische Erlebnisse mit nahezu fotografischer Genauigkeit „gespeichert" werden. Die Gedächtnispsychologie kam zu anderen Ergebnissen: Erinnerungen sind nicht fotografisch genau - und konstant sind sie schon gar nicht. Im Lauf der Zeit verändert sich die Schilderung der Ereignisse, obwohl man sich selber subjektiv sicher ist ein konstantes Erinnerungsbild zu besitzen. Außerdem sind auch Erinnerungen an spektakuläre Ereignisse Suggestionen zugänglich. So erwähnten Zeitzeugen, die man nach Jahren über den Absturz einer Frachtmaschine der El-Al bei Amsterdam (1993) befragte, Fernsehbilder vom Absturz, die es niemals gab.
Der Vorgang des Speicherns und Erinnerns
 
Sehr vereinfacht und mechanistisch kann man sich das Gedächtnis wie eine Art Datenbank, in der Erinnerungen gespeichert werden, vorstellen. Natürlich ist das ein Modell, keineswegs arbeitet das Gehirn wie ein Computer, aber die Analogie hilft einige erstaunliche Erkenntnisse zu verstehen.

Erinnert man sich an etwas, findet ein Suchvorgang statt (im Computer über Indizes), bis die Erinnerung im „Datenbestand" gefunden wurde. Vergessen beruht darauf, dass der Suchprozess im Lauf der Zeit immer schwieriger wird. Die Recovery-Theorie geht nun davon aus, dass man im therapeutischen Gespräch den durch Verdrängung „blockierten" Index wieder „gangbar" macht - und die ursprüngliche Erinnerung wieder zutage tritt. Nur: Das „Speichern" und „Abrufen" vollzieht sich in Wirklichkeit nicht mit digitaler Wiedergabetreue. Vielmehr mischen sich bei jedem Vorgang des „Speicherns" und Erinnerns neuere Erfahrungen, ähnliche Erlebnisse, anderswo Gehörtes und Gesehenes darunter, so dass die Erinnerung keine genaue - und vor Gericht verwertbare - Reproduktion mehr ist, sondern eine Rekonstruktion. Wir schreiben unser „inneres Tagebuch" ständig neu! Sein „Inhaltsverzeichnis", der „Gedächtnis-Index", wird sogar bei jedem Gebrauch verändert.

Informationen, die nach einem Ereignis aufgenommen wurden, spielen dabei eine große Rolle. Ein bekanntes Beispiel ist das Experiment, bei dem Versuchspersonen auf Video einen Autounfall vorgeführt bekommen und diesen später beschreiben sollen. Ein großer Teil der Zeugen lässt sich durch suggestive Fragen beeinflussen. Sie bejahen die Frage, ob die Ampel auf Rot stand, obwohl keine Ampel zu sehen war. Bei einer weiteren Befragung ist die Ampel dann selbstverständlicher Bestandteil der Szene.
Ein ähnliches Beispiel aus der praktischen Erfahrung der Verkehrsgerichte: Spricht ein (vielleicht farbenblinder?) Polizist bei einer Vernehmung nach einem Verkehrsunfall immer von einem „grauen PKW", obwohl es in Wirklichkeit hellblau war, werden sich viele Zeugen später bei der Gerichtsverhandlung an ein „graues Auto" „erinnern". Hier zeigt sich auch, wie „Autorität" die Erinnerung beeinflussen kann.
(Insofern stimmt es manchmal schon, dass Kinder sich nicht an sexuellen Missbrauch erinnern können, weil der Papa es ihnen ausgeredet hat. Allerdings neigen solche Opfer eher dazu, das ihren angetane Unheil dann einer anderen Person mit weniger Autorität, z. B. dem ungeliebten Bruder oder dem Nachbarn, in die Schuhe zu schieben - und immer bleibt die Erinnerung an das „Geschehen" präsent.)
So eine im Nachhinein verfälschende Information kann auch vom Zeugen eines Vorgangs selber kommen: Er durchlebt das ungewöhnliche Ereignis immer wieder, seine Gedanken und Gefühle beschäftigen sich damit, er zieht Parallelen, erinnert sich an Ähnliches, nimmt neue Informationen auf. Sehr rasch erinnert man sich nicht mehr an ein Ereignis, sondern an die Geschichten, die man sich und andern davon erzählt hat.
Pseudoerinnerungen
 
Nicht nur Details von Ereignissen werden in der Erinnerung allmählich verändert. Auch die Erinnerung an den Kern eines Vorgangs lässt sich deformieren - z. B. durch wieder und wieder wiederholte Suggestivfragen. Es lassen sich sogar sogenannte Pseudoerinnerungen erzeugen, Erinnerungen an Ereignisse, die nachgewiesenermaßen niemals stattgefunden haben. So war der berühmte Genfer Psychologe Jean Piaget lange Zeit der festen Überzeugung, er sei als Kleinkind beim Spaziergang mit seinem Kindermädchen von einem fremden Mann entführt worden. Er hatte deutliche Erinnerungen an die Umgebung, an den Entführer und an den Kampf des Kindermädchens mit dem Entführer. Nach vielen Jahren bezeugte das frühere Kindermädchen, dass es die Geschichte erfunden hatte, um eine Verspätung zu erklären - die bloße Erzählung der Eltern war im Lauf der Jahre zu einer Pseudoerinnerung geworden.
Anfang der 90er Jahre erzeugte die kognitive Psychologin Denise Park im Experiment unter kontrollierten Bedingen solche Pseudoerinnerungen. Sie brachte die Versuchspersonen dazu, sich daran zu „erinnern" als Kind in einem Einkaufszentrum verlorengegangen zu sein. Es war überraschend einfach, sofern das „Erlebnis" zum „Selbstbild" der Versuchsperson passte, sich plausibel in deren Biographie fügte und von scheinbar unbeteiligen Dritten bestätigt wurde.
Je mehr Fragen zu einem Ereignis gestellt werden, desto klarer und detaillierter wird die Pseudoerinnerung. Im Extremfall lässt sie sich durch nichts mehr von einer echten Erinnerung unterscheiden! Besonders anfällig für Pseudoerinnerungen sind Kinder und Erwachsene, die über eine lebhafte und bilderreiche Fantasie verfügen. Pseudoerinnerungen sind nichts Ungewöhnliches. Lange Verhöre etwa können dazu führen. In den Vereinigten Staaten kennt man Personen, die nachweislich nie in Vietnam waren, aber klare Erinnerungen an den Vietnamkrieg schildern. Ebenso gibt es Pseudoerinnerungen an eine Kindheit im Konzentrationslager.

Angesichts dieser Erkenntnisse hat man gute Gründe daran zu zweifeln, dass aus dem Unbewussten verdrängte Erinnerungen an ein traumatisches Ereignis auftauchen können, die die Wahrheit und nichts als die Wahrheit wiedergeben.

Sonderfall der Erinnerung: die hypnotische Rückführung
 
Nun kommt gerade im Falle der „UFO-Entführungen" häufig eine Technik zum Einsatz, die einen in mehrerer Hinsicht unheimlichen Ruf hat: Die Hypnose.
Unter Hypnose, heißt es, kämen verdrängte und blockierte Erinnerungen unfehlbar ans Licht, mit fotografischer Treue. Man könne unter Hypnose nicht lügen.
Dieser „hellen" Legende steht eine „düstere" Hypnose-Legende gegenüber: man sei unter Hypnose willenlos, der Hypnotiseur könne einem beliebige Sachverhalte einsuggerieren, oder gar den Hypnotisierten mittels posthypnotischer Befehle wie einen Roboter umprogrammieren. Diese Legenden sind - vorsichtig formuliert - extrem übertrieben!
Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, ist die Hypnose ein völlig normaler Vorgang. Man verliert bei einer Hypnose nicht das Bewusstsein und schläft auch nicht ein. Eine Hypnose „fühlt" sich nicht „anders an", als z. B. der „tiefentspannte" Zustand im Autogenen Training oder bei bestimmten Arten der Meditation. Die bekannte „Autobahnhypnose" ist wirklich ein hypnotischer Zustand. Wir verleben einen großen Teil unseres Tages im hypnoiden - hypnoseähnlichen - Zustand, z. B. beim „gefesselten" Lesen. Jede Hypnose ist im Grunde genommen „Selbsthypnose" und auf die „Mithilfe" des Hypnotisierten angewiesen, der Hypnosetherapeut leitet nur an und kann niemandem einfach „den Willen brechen". Der schlechte Ruf der Hypnose beruht auf der oft reißerisch dargebotenen Showhypnose. In der Hand eines gewissenhaften Hypnosetherapeuten ist sie ein wertvolles psychotherapeutisches Werkzeug.
Der „gute Ruf" der hypnotischen Rückführung beruht vor allem auf der Hypermnesie, dem enorm gesteigerten Erinnerungsvermögen. Diese Erfahrung ist in der Tat verblüffend: In einer hypnotischen Regression erlebte ich zum Beispiel einen Nachmittag in der Luftfahrtabteilung des Deutschen Museums in München, den ich als Sechsjähriger mit meinem Großvater verbrachte, und an den ich mich bewusst kaum erinnern kann, buchstäblich von neuem. Alles war da: nicht nur alle Details der ausgestellten Flugzeuge, sondern auch die Muster der Strickjacke meines Opas, die Gerüche in der Halle, alles, was der Museumsführer erzählte und mir mein Großvater vorlas. Auch die Gefühle waren wieder spürbar, die naive Begeisterung des kleinen Jungen für all die tollen Flieger und die Verwirrung über die vielen Dinge, die ich einfach noch nicht begriff.

Auf den ersten Blick ist diese Hypermnesie eine glänzende Bestätigung für „extreme" Verdrängungstheorien. Es ist fast so, als hätten wir alle ein fotografisches Gedächtnis und würden es im Alltag nur nicht merken. Auf den zweiten Blick fiel mir etwas Seltsames auf: Ich konnte mich nicht erinnern, was auf den Schrifttafeln stand! Der Grund war, dass ich als Sechsjähriger noch nicht lesen konnte. Ich habe eben keine fotografisch genaue Erinnerung, sondern das, was ich da „wiedererlebe", ist mein ganz normales Langzeitgedächtnis. Ich konnte noch nicht lesen, also behielt ich die Texte auch nicht im Gedächtnis, obwohl ich sie deutlich sah.
Auch etwas anderes wurde mir bei Rückführungen deutlich: Wie bei jedem „normalen" Erinnerungsvorgang werden auch bei der hypnotischen Regressionen Lücken und Leerstellen des Gedächtnis unwissendlich mit plausiblen Annahmen, Schlußfolgerungen oder bloßer Phantasie gefüllt. (Der Fachbegriff dafür heißt „Konfabulation".)

Um im Bild der Datenbank zu bleiben: Die Hypnose ermöglich einen „alternativen Zugriff" auf meine Erinnerung, nicht über den normalen „Zugriffsweg" mit seinen immer und immer wieder überschriebenen und veränderten „Indizes". Die Erinnerungen sind damit klarer, nicht so oft nachträglich „überschmiert", und Denkblockade, die immer „bewusste" Denkblockaden sind, fallen weg. Damit sind Erinnerungen zugänglich, die (im Sinne der Psychoanalyse) verdrängt wurden.
Aber: Was ich wirklich vergessen habe, daran könnte ich mich auch unter Hypnose nicht erinnern! Hypnose ist eine gute Methode, die Zugriff auf das Unbewusste ermöglicht - aber sie hat ihre Grenzen. Eine dieser Grenzen ist unser in der Regel nicht-fotografisches Gedächtnis.
Für die Befragung unter Hypnose heißt das, dass die hypnotisch zu Tage geförderten Erinnerungen ebenso manipulierbar sind wie „normale". Die Hypnose ist eben kein magisches Wahrheitsserum. Jede Erinnerung, die bei einer Rückführung auftaucht, kann eine Tatsache, eine phantasievolle Erfindung oder eine Pseudoerinnerung sein, die zufällig aus einer unangebracht suggestiven Bemerkung des Therapeuten entstanden sein könnte. In den meisten Fällen kann selbst ein Experte nicht zwischen diesen Möglichkeiten unterscheiden.

Schlimmer noch, unter Hypnose befinde ich mich im Rapport mit meinem Therapeuten. Ich vertraue ihm, sonst könnte er mich nicht hypnotisieren. Also kann er meine Gedanken und Assoziationen leichter in eine bestimmte Richtung lenken als ein normaler Gesprächspartner, dem ich nicht derart vertraue. Er kann meine Erinnerungen bis zu einem gewissen Grad lenken.
Insofern enthält die Vorstellung der „hypnotisch eingepflanzten" Erinnerung mehr als ein Körnchen Wahrheit. „Hypnotische Pseudoerinnerungen" können manchen Fälle sogar therapeutisch sinnvoll sein. Ein Klient kann z. B. sich unter Hypnose an seinem tyrannischen Vater „rächen" und sich damit innerlich befreien, in dem er ihn in seiner durch gezielte suggestive Hinweise gelenkten Vorstellung auf der heißen Herdplatte büßen lässt.

Eine kurze Anmerkung zu hypnotischen Regressionen in ein „früheres Leben" und „Progressionen" in eine mögliche Zukunft: Ich weiß, dass es so etwas gibt - nicht zuletzt deshalb da ich es selbst erlebte. Allerdings ist das allem Anschein nach ein völlig anderer Vorgang als die „normale" Hypermnesie (er „fühlt" sich auch anders „an). Hier wird nicht mein normales, individuelles Gedächtnis „angezapft", sondern auf eine „andere Quelle" zurückgegriffen, über deren Natur es mehrer Hypothesen gibt (z. B. Akasha-Chronik, Artgedächtnis, Geistkörper, kollektives Unbewusstes). Die meisten Psychologen halten die Erlebnisse dieser Art allerdings für eine komplizierte Art von Hirngespinsten, eine bizarrer Abart der Pseudoerinnerung. Im Zusammenhang mit dem UFO-Phänomen sind Regressionen in den Geist außerirdischer Intelligenzen und sogar körperloser Licht-Wesenheiten besonders bemerkenswert.
Was ist also dran?
 
Was ist nun, im Licht dieser Erkenntnisse, von UFO-Entführungen zu halten? Es ist eine Tatsache, dass Tausende geistig gesunder und intelligenten Menschen, die in der Regel auch völlig „unesoterisch" denken, mit angsterfüllter Stimme von ihren Erfahrungen an Bord außerirdischer Raumschiffe berichten. Sie erinnern sich klar und deutlich daran, von Außerirdischen entführt worden zu sein. Sie lügen nicht. Sie haben offenbar wirklich etwas gesehen. Aber was war dieses Etwas wirklich?
Aus eher skeptischen Sicht kann man einwenden: Ist ein Therapeut subjektiv von der Entführung seines Klienten überzeugt, lenkt er wahrscheinlich dessen Erinnerungen an etwas in Richtung UFO, so wie ein von der Alltäglichkeit des sexuellen Missbrauchs überzeugter Therapeut seinen Klienten in diese Richtung lenkt - auch wenn die Probleme der Klienten in Wirklichkeit völlig andere Ursachen haben. Viele Klienten schenken den schockierende „Enthüllungen" des Therapeuten auch nur deshalb glauben, weil sie Angst davor haben, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen und die Lösung für ihre Probleme nicht bei sich selber suchen mögen, denn: „Meine böse Mammi hat an allem Schuld!" Oder die geheimnisvollen großäugigen Aliens, auf die niemand Einfluss hat.
Aber: Auch wenn die meisten Fälle „aufdeckten" sexuellen Missbrauchs therapeutische Artefakte sind, so gibt es dennoch viele - viel zu viele! - Fälle widerlichsten sexuellen Missbrauchs an Kindern. 
Bei der Durchsicht der von Dr. John E. Mack beschriebenen „UFO-Entführungsfällen" fiel mir auf, dass die Klienten schon vor den Sitzungen davon überzeugt waren, dass sie irgendwann entführt, „entrückt" oder manipuliert worden waren. In vielen Fällen erinnerten sie sich sogar an die „kleinen Grauen" - vor der Behandlung. Es waren also keine Fälle von Verdrängung und Wiederaufdeckung á la „Recovery-Theorie" und zumindest im Kern auch keine Pseudoerinnerungen, die erst von Dr. Mack erzeugt wurden. Es steckt wohl irgend eine Wirklichkeit hinter diesen Fällen - welche allerdings kann ich beim besten Willen nicht sagen.

Brisanter noch sind die Konsequenzen, die die Manipulierbarkeit unseres Gedächtnisses für „Verschwörungstheorien" haben. Falsche Erinnerungen können implantiert werden. Schlimmer noch: Solange es nicht darum geht, Erinnerung völlig „auszuradieren" oder „frei aus den Nichts zu erschaffen", sondern „nur" darum, Erlebtes zu verfälschen, ist es erschreckend einfach, unser „inneres Tagebuch" zu verändern!
Zeugen in Verhörsituationen sind, wie sich zeigt, besonders leicht manipulierbar ( Immer wieder auf den Mann oben im Lagerhaus hinweisen, bloß nicht auf die Schüsse aus der anderen Richtung eingehen ...) Später, vor Gericht, sind ihre „Erinnerungen" kaum noch etwas wert.

Der „Gehirnlöscher" aus „Men in Black" ist Fiktion - aber Will Smith verrät im Titelsong dieses Films die Methode, die in solchen Fällen wirklich funktionieren würde - und sicherlich auch angewendet wird. „Talk with the witness... hynotize her, normalise her, turning memories into fantasies!" 
Nein, ich habe mich vorhin getäuscht, es war doch nur ein Wetterballon!
Martin Marheinecke, 2000

Veröffentlicht in OMICRON,  Ausgabe 2/2001, Roth-Verlag, Fuldatal-Simmershausen

Quellen:
John E. Mack: Entführt von Außerirdischen - Heyne, München, 3. Auflage 1997
Susanne Franzen / Jörg Müller: Hypnose - heilen in Trance - Heyne, München, 1996
John Kotre: Weiße Handschuhe - Wie das Gedächtnis Lebensgeschichte schreibt - Hanser, München, 1996
Elizabeth Loftus / Katherine Ketcham: Die therapierte Erinnerung - Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach, 1997
Katharina Rutschky: Erregte Aufklärung - Kindesmißbrauch: Fakten & Fiktionen, Klein, Hamburg, 1992
Dr. Cécile Ernst: Missbrauch vergisst man nicht, „Tages-Anzeiger", Bern, 24.10.1999
Dr. Bernhard Eppinger: Vater büßt auf der Herdplatte (hypnotische Psychotherapie) - „Bild der Wissenschaft", 7/1999 S.: 68 - 71
Der Streit um die Erinnerung. - Kann sexueller Mißbrauch „verdrängt" werden? - „Psychologie heute", 6/1994, S.:20 - 30

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