Macht und Magie - 
„The Hermic Order of the Golden Dawn"
 
Er war eine jener Geheimgesellschaften, die unverzichtbarer Bestandteil vieler abenteuerlicher Verschwörungstheorien sind. (Was nicht heißt, daß solche Geheimbünde nicht tatsächlich manchmal verschwörerisch tätig gewesen wären und sind.) Sein Einfluß wirkt bis in die moderne Esoterik-Szene der Jahrtausendwende hinein, er wurde und wird als Brutstätte des Satanismus buchstäblich verteufelt, lieferte das „Grundmuster" für zahlreiche pseudoreligiöse Gesellschaften und etliche „Sekten" - und hatte sehr großer Einfluß auf den populären Okkultismus des 20. Jahrhunderts: der geheimnisunwobenen „Hermetic Order of the Golden Dawn" - etwa:  "Hermetischer Orden der Goldenen Morgenröte". Werfen wir einen Blick hinter die Schleier der des vermeindlichen Geheimnisses.

Der „Golden Dawn" war eine der zahlreichen esoterischen Geheimgesellschaften, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in allen Industrienationen entstanden.
Gegründet wurde er 1888 von Alphonsus Woodford, einem englischen Geistlichen und „Freimaurerforscher", und Wynn Westcott, einem prominenten Mitglied der freimaurerischen Societas Rosicruciana in Anglia , einem Freund von Helena Blavatsky, der Begründerin der Theosophie. Sie sahen sich in der Tradition der Rosenkreuzer und glaubten, ein verschollenes Manuskript mit geheimen magischen Riten der deutschen Rosenkreuzer des 16. Jahrhundert wiederentdeckt zu haben.(In Wirklichkeit waren es wohl pseudo-freimaurerische Rituale mit leichtem magischem Einschlag.) Es bestand Kontakt zu deutschen Rosenkreuzlern, der abbrach, als Wescotts die fehlende Unterschrift unter einer Ermächtigungsurkunde für die Gründung einer Rosenkreuzler-Loge einfach „nachholte", sprich fälschte. 1888 wurde dennoch der „äußere Orden", gegründet, der schnell viele Anhänger fand. Ein „innerer Orden" konnte wegen fehlender Zustimmung der „Geheimen Oberen" nicht gegründet werden. Die „Geheimen Oberen" sind übrigens nicht etwa menschliche Drahtzieher im Hintergrund, wie manche Verschwörungstheoretiker meinen, sondern Geistwesen - mehr dazu später.

1891 behauptete Samuel L. Mathers, ein Militärhistoriker, mit Hilfe seiner hellseherisch begabten Frau Kontakt zu den „Geheimen Oberen" aufgenommen zu haben. Er beanspruchte deshalb die Führung des Ordens, während der eigentliche Gründer Wescott zurücktrat (Woodford war im selben Jahr verstorben). Mathers gründete den „inneren Orden" und reorganisierte den Golden Dawn streng hierarchisch nach militärischem Muster. Ab 1901 gab es deshalb innere Auseinandersetzungen mit liberaleren Mitgliedern wie W. B. Yeats, bei denen Mathers von Aleister Crowley unterstützt wurde. Später beanspruchte Crowley die Führung des Ordens, der unter den internen Streitereien zerbrach. Seine Mitglieder blieben fast alle in der Okkultismus-Szene aktiv, viele gründeten später eigene okkulte Gesellschaften, die zum Teil noch im Jahr 2000 bestehen.

Der Golden Dawn sah sich in der Tradition der „Rosenkreuzer". Die Rosenkreuzer waren eine 1614 von dem Tübinger Theologen Valentin Andreä gegründete „Bruderschaft" die sich auf einen legendären Gründer namens Christian Rosenkreutz berief und hermetisches („esoterisches") Gedankengut mit sozialreformerischen Ideen verknüpfte. Sie beschäftigten sich auch mit Alchimie und der jüdische Kabbala, und beeinflußten die Freimaurerei - viele Freimaurerlogen haben noch heute „Rosenkreuz-Hochgrade". Später bezeichneten sich viele Geheimgesellschaften als „Rosenkreuzer", ohne aus der ursprünglichen Bruderschaft hervorgegangen zu sein. Bekannteste Pseudo-Rosenkreuzer heute sind der keineswegs geheime, sondern eher kommerzielle „Orden" Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis AMORC ( Perry Rhodan-, Dämonenkiller- und Mythor -Lesern vielleicht durch seine Kleinanzeigen in Heftromanen aus den 70er Jahre bekannt) und das sowohl den Antroposophen wie dem „New Age" nahestehende, heute eher ökologisch orientierte und ebenfalls werbe- und missionsfreudige Lectorum Rosicrucianum .

Das „Grundgerüst" der Lehre des „Golden Dawn" geht, wie das vieler anderer Esoterik-Gemeinschaften, auf die Theosophie Helena P. Balvatskys zurück. Sie versuchte, jene „geheime Doktrin" herauszuarbeiten, die allen Religionen zugrunde liegen  soll. Daraus ergab sich eine eigentümliche Mischung aus westlichen und östlichen (hinduistischen, buddhistischen) Elementen, welche die moderne Esoterik stark beeinflußte. Besonders die theosophische Auffassung der Reinkarnation (nur unzureichend mit „Wiedergeburt" zu übersetzen) mit dem daraus resultierenden Karma, und die Vorstellung, es gäbe spirituelle „Meister", die die Geschicke der Menschheit leiten, sind noch heute weit verbreitet. Die rassistische „Wurzelrassenlehre" ist Kernbestandteil der theosophischen Weltanschauung und gilt als dicker brauner Fleck auf der Weste der modernen Spiritualität. Es ist vor allem dieser menschenverachtende Lehre zu „danken", daß so viele Kritiker in der „Esoterik-Welle" einen getarnten Neofaschismus sehen wollen.

Später spalteten sich mehrere Gesellschaften von den Theosophen ab, z. B. die lebensreformerisch orientierten Anthroposophen Rudolf Steiners (Stichworte: Waldorf-Pädagogik, Anthroposophische Medizin, Biologisch-Dynamischer Landbau, Eurythmie ) - aber auch die Ariosophie Guido von Lists, deren Lehre die Rassentheorien der Nazis stark beeinflußte.

Die Geheimen Oberen des „Golden Dawn" sind - frei nach antiker indischer Überlieferung - „Meister" (Mahatmas, wörtlich: „große Seelen"), die in ihrer physischen Form von tibetanischen Höhen aus über die Menschheit wachen, oder, in geistiger Form, vom Licht- und Feuerhimmel aus. Unter der Bezeichnung Verborgene Meister wurde diese Vorstellung von den Theosophen popularisiert; in der heutigen Esoterik-Szene sind sie auch als „aufgestiegene Meister" bekannt. Nach der Vorstellung des „Golden Dawn" treten die Geheimen Oberen nie „körperlich" in Erscheinung, sie greifen auch nicht direkt in das Weltgeschehen ein, sondern nur indirekt über besonders begabe Medien. Sie wurden von den Anhängern des „Golden Dawn" als eigentliche Oberhäupter ihres Ordens gesehen - gemäß Mathers Vorstellung als „Vorgesetzte" mit absoluter Befehlsgewalt.

Wie alle rosenkreuzerischen und freimaurerischen Gesellschaften war der Golden Dawn hierarchisch gegliedert, allerdings - unter dem Einfluß „General" Mathers - straffer organisiert als üblich. Er forderte, absoluten Gehorsam, wobei er sich auf alte rosenkreuzlerische und templerische Tradition berief. Je „weiser" und „reiner" das Mitglied war, desto höher stand es auf der Stufenleiter und desto mehr Geheimnisse wurden ihm anvertraut.

Der Golden Dawn bestand aus drei Abteilungen, die mehrere Grade umfaßte. Man begann als Neophyt im Ersten oder Äußere Orden, dem Golden Dawn , wurde Zelator , Theoreticus , Practicus und dann Philosophu s. Diesem übergeordnet war der Innerer Orden, der Order of the Red Rose and the Golden Cross . Seine Grade waren Adeptus Minor , Adeptus Major und Adeptus Exemptus . Diese Ränge waren schwieriger zu erreichen und erforderten die völlige Unterwerfung unter den „Heiligen Schutzgeist" und möglicherweise Proben praktischer Magie. Der Innere Orden stand angeblich in Verbindung zu den Geheimen Oberen. Mathers, als „Ordenschef", hatte als einziger Adept den Rang eines Adeptus Extempus inne. Die drei höchsten Grade, Magister Templi , Magus und Ipsissimus gehörten zum Order of the Silver Star, Ordo Argentei Astri . Sie konnten im System des Golden Dawn nur von Seelen der allerhöchsten Ordnung erreicht werden, die den Mahatmas gleich waren. Mathers maßte sich - im Gegensatz zu vielen seiner Nachahmer - das dann doch nicht an.

Die Wurzelrassen-Lehre der Theosophen beeinflußte das ausgeprägte Elite-Denken des Golden Dawns stark. Nach dieser „Theorie" existierte zunächst eine „polarische" Rasse, der später die „hyperboräische Rasse" folgte. Daraus entwickelte sich auf dem untergegangenen Kontinent Lemuria die „lemurische Rasse", von denen die „niedrigen Menschenrassen" stammten, zu denen sowohl der damals frisch entdeckte Neanderthaler wie „primitive" Restvölker wie Buschmänner und Pygmäen gezählt wurden. Auf Lemuria entstanden außerdem die Ungeheuer unserer Mythen und Sagen (Zyklopen, Kentauren usw.). Es folgte die vierte Wurzelrasse, der nahezu alle „farbigen" Völker angehören. Auch die fünfte, die „arische" Rasse, entstand auf einem versunkenen Kontinent: auf Atlantis, das nach theosophischer Ansicht exakt 9564 v. u. Z. unterging. Dem Untergang von Atlantis seien einige Menschen entkommen, die in den Süden gewandert waren, und dort die Hochkulturen des Altertums gegründet hätten. Aus der „arischen Urrasse" gingen sieben „Unterrassen" hervor: die ur-indische (Indoarier), die ägyptisch-chaldäische (Ägypter, Teile der Semiten), die ur-persische, die griechisch-lateinische (mediterrane) Rasse, und schließlich noch die germanisch-nordische, die aus Germanen, Kelten und Slawen besteht. Interessanterweise wären die Juden gemäß dieser Lehre eigentlich „Arier"! Da Blavatsky - gelinde gesagt - starke antisemitische Vorurteile hegte, wies sie den Juden eine „Sonderrolle" als unnatürliche Mischung zwischen der vierten und der fünften Wurzelrasse zu. Daß die Slawen in ihrer Lehre eine bessere Position als in der späteren NS-Rassenlehre hatten, dürfte bei der Frau eines ukrainischen Adligen nicht weiter verwundern. Die Theosophen - und mit ihnen der Golden Dawn - sahen sich als die Vorboten der nächsthöheren, der sechsten Wurzelrasse, also als „Übermenschen".

Während sich der „äußere Orden" nicht wesentlich von anderen esoterischen Vereinigungen unterschied, stand im „inneren Orden" des Golden Dawn die Beschäftigung mit Magie im Vordergrund. Das ist wörtlich zu nehmen - die Adepten des Golden Dawn behaupteten von sich, wirklich zaubern zu können - oder versuchten es zumindest ernsthaft.
Auf der Suche nach einen funktionierendem magischen System stieß Mathers auf ein Buch des „Juden Abraham", der angeblich die Lehre des mittelalterlichen Magiers Abra Melin überlieferte. Diese Lehre ähnelt in vielen dem indischen Yoga - vielleicht war das der Grund, weshalb sie funktionierte. Sie unterschied sich von anderen magischen Systemen außerdem dadurch, daß sie die Ausübung „schwarzer Magie" unter gewissen Vorbedingungen „erlaubte". Die weiße Magie ist letztlich der schwarzen überlegen, so daß die dunklen Kräfte denen des Lichts unterworfen sind. Durch Gebete und Kontemplation kann der Magier seinen Heiligen Schutzgeist beschwören, der ihn im richtigen Gebrauch der Mächte der Finsternis unterweisen wird.
Der Golden Dawn soll sich außerdem mit intensiv mit parapsychologischen Phänomenen wie Telepathie beschäftig haben, das Aufnahmeritual für den „inneren Orden" könnte durchaus eine Art „Psi-Test" gewesen sein. Das ist allerdings Spekulation.

Der Golden Dawn „arbeitete" schon ab 1910 nicht mehr. Yeats zufolge war Mathers teils ein Wahnsinniger, teils ein Spitzbube. Hochstapelei - er nannte sich Mac Gregor of Glenstrea, obwohl er noch nicht einmal Schotte war - gehörte so zu seinem Lebensstil wie Feldherrengehabe und eine unglaubliche Arroganz, die auch auf seine Ordensbrüder und Schwestern abfärbte.

So fragwürdig der Golden Dawn als Organisation auch war - sein Korrespondenzsystem war prägend für die weitere Ausgestaltung des Okkultismus und der populären Esoterik. Ein Korrespondenzsystem bedeutet, daß Symbole und Lehrinhalte verschiedener esoterischer Traditionen miteinander in Übereinstimmung gebracht werden. Der Golden Dawn vereinigte Astrologie, Tarot, Geomatie („Pendeln") und jüdische Kabbala in einer Weise, das sich damit praktisch arbeiten ließ. Er steht damit am Beginn der „Handbuchrituale" des heutigen „spirituellen Supermarktes". Das Pentagrammritual des Golden Dawn ist eines der beliebtesten Schutzrituale gegen Besessenheit im modernen Okkultismus und bei vielen Spiritisten. (Es kommt außerdem in einigen Horror-Romanen vor.)

Außerdem wirkte der Golden Dawn über seine Ex-Mitglieder. Die wichtigsten:

Aleister Crowley - einflußreichster Okkultist des frühen 20.Jahrhunderts. Autor in der Szene vielbenutzter Werke wie „Magick" und dem „Liber al Legis", aus dem der berühmte Satz: „Tu was du willst sei das ganze Gesetz" stammt. Obwohl kein Satanist im eigentlichen Sinne, berufen sich Satansanbeter und (Möchtegern-)Schwarzmagier gerne auf ihn.

Dion Fortune - erfolgreiche Esoterik-Schriftstellerin („Selbstverteidigung mit PSI", „The Cosmic Doctrine"), Vorreiterin der „Esoterik-Welle" und ihrer Vermarktung. (Die Hexe „Mutter Fortuna" aus Peter S. Beagles „Das letzt Einhorn", die mittels ihrer kümmerlichen Magie eine betrügerische „Fabeltierschau" betreibt, ist eine Karikatur Dion Furtunes.)

Bram Stoker - Schriftsteller, Autor des „Dracula".

E. A. Waite - Schöpfer des im 20. Jahrhunderts gebräuchlichsten Tarot-Systems.

William Butler Yeats - Schriftsteller, brachte magische Inhalte und keltische Mystik in die „Hochliteratur" ein („Deidre", „The Death of Cuchulain"). Nobelpreis 1923.

Der noch heute viel gelesene Schriftsteller William Sommerset Maugham soll dem Orden zumindest nahe gestanden haben.

Da der Golden Dawn wirklich Magie praktizierte, fasziniert er Okkultisten naturgemäß stärker als andere ähnliche Gemeinschaften. An sein Grundmuster lehnten sich diverse autoritär aufgebaute Geheimgesellschaften und „Psycho-Sekten" an, vom O.T.O. (Ordo Templis Orientalis) bis zu den Scientologen.

Martin Marheinecke, Mai 2000
 

Literatur:
John Symonds: Aleister Crowley - Das Tier 666 , Hugendubel, München, 1996
Hans-Otto-Wiebus: Lexikon Jugendkulte , Heyne, München, 1997
Thomas Schweer: Die Heilsversprecher , Heyne, München, 1996
Hans Schuhmacher: Ariosophie - ein Überblick . Aufsatz  zum Ariosophieprojekt    des Rabenclan - Arbeitskreis der Heiden in Deutschland e.V. . Einsehbar auf der  Website des Rabenclan: http://www.rabenclan.de/
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