Des "listigen Guidos" Erben
Der Amanenorden
 
Inhalt: 
1. Guido „von" List
2. Die Ariosophie - eine Quelle des Nationalsozialismus
3. Der Armanenorden
4. Die Strategie: Unterwandern und Verbünden


Sie sind eine der am meisten unterschätzten „religiösen Sondergemeinschaften" Deutschlands - die Armanen, selbsternannte Hüter und Retter des Heidentums, der germanischen und keltischen Traditionen, der europäischen Kultur und der weißen Rasse.
Im Verhältnis zu ihrer eher kleinen Mitgliederzahl gehören sie zu den gefährlicheren unter den "destruktiven Kulten". Nicht zuletzt dürfen sich an germanischen Traditionen interessierte Menschen vor allem bei den Armanen bedanken, wenn jemand schon deshalb als Nazi eingestuft wird, weil er ein Thorshammer an der Halskette trägt, und wenn die Massenmedien bei Sonnenwendfeiern gleich rechtsextreme Umtriebe wittern. Der Armanenorden führt heute die Tradition der Ariosophie fort, einer Tradition, die in der deutschen Geschichte mehr als genug Schaden gestiftet hat.
1. Guido „von" List
 
Die Ariosophie hat zwei Hauptwurzeln: die „Theosophie" nach Helena Blavatsky mit ihrer „Wurzelrassenlehre" und Geheimbündelei, und die romantisch-nationalistisch verklärte Germanentümelei des 19. Jahrhunderts. Guido „von" List (1848 - 1919, der Adelstitel war selbstgemacht) führte diese beiden Stränge zusammen.

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts entstand in Wien aus einem deutsch-völkischen Kreis um den Politiker und Industriellen Georg Ritter von Schönerer die „Alldeutsche Los-von-Rom-Bewegung". Er propagierte ein „nationales" Christentum, und setzte die katholische Kirche, die er als anti-deutsches Unterdrückungselement sah, mit den germanenfeindlichen römischen Missionaren gleich. Seine politischen Ziele lagen in der Gründung eines „Großdeutschland", das weitaus mehr als eine Vereinigung der deutschsprachigen Teile Österreich-Ungarns mit dem Deutschen Reich sein sollte. Außerdem strebte er eine ständische Gesellschaft an - eine Art modernisiertem Feudalismus mit klar abgegrenzten Klassen, als Abwehr gegen die soziale Mobilität des modernen Industriestaates und das „Aufbegehren" sozialistischer Arbeiter. Ähnliche Gruppierungen gab es auch im Deutschen Reich.
Schönerer nahe stand der „Bund der Germanen". Neben einem Germanenbild, das sich schon mit den damaligen historischen und archäologischen Erkenntnissen nicht in Einklang bringen ließ, gehörte ein dumpfer Antisemitismus zum Gedankengut dieses Bundes. List, übrigens zeitweise Sekretär des erstaunlich einflussreichen „Österreichischen Alpenvereins", war im "Bund der Germanen" sehr aktiv.

Angeregt durch die Theosophie entwickelte List ein Rassensystem, in dem die „Arier" als am höchsten entwickelte „Rasse" sowohl Schöpfer aller Hochkulturen wie  Höhepunkt der Entwicklung der Menschheit sind. Alle „farbigen Rassen" sind in diesem Verständnis weniger entwickelt als die Arier, die schon von der Biologie her zu ihren Herren bestimmt seien. Es ist in Lists Verständnis auch nicht weiter schlimm, wenn Indianer, Pygmäen, Eskimos oder andere Völker „verschwinden", bzw. von „Stärkeren" ausgerottet werden. (Hier fließt der „Sozialdarwinismus", ein kruder Missbrauch der darwinschen Evolutionstheorie als Rechtfertigung sozialer Ungleichheit, und der brutale Rassismus des imperialistischen Zeitalters ein.) Eine Sonderrolle in Lists „harmonischem" und „naturgemäßen" Rassenmodell nehmen die „natürlichen Feinde" der „Lichtmenschen", der helläugigen und blonden Arier, ein: Es sind die aus einer unnatürlichen Mischung der vierten und fünften „Wurzelrasse" hervorgegangenen „dunklen" „Mondvölker" - und deren heimtückischsten Vertreter, die Juden.

So weit ist die Ariosophie eine rassistisch verschärfte Abart der Theosophie. Allerdings unterscheidet sich seine Ariosophie unter anderem durch einen extremen Patriarchismus - Frauen sind in seinem Weltbild zum Kinderkriegen und zur Haushaltsführung gut und dem Mann „natürlicherweise" unterlegen - von der immerhin von einer Frau begründeten Theosophie.

List folgt der unkritischen Religionsvermischung vieler Theosophen - alle Religionen seien in ihrem „esoterischen" Kern die selbe Religion. Eine monotheistische Religion des einen unnennbaren Gottes, denn alle Götter aller Religionen sind nur personifizierte Sondereigenschaften des „Einen". Für das dumme Volk, alle die in ihrer geistigen Entwicklung noch nicht soweit sind, und die deshalb „naturgewollt" die unteren sozialen Klassen einnehmen, sind die „exoterischen" Religionen da. List bevorzugt hierfür seine mit sämtlichen historischen Fakten extrem großzügig umgehende Version der alten polytheistischen Religion der Germanen, die er „Wuotanismus" nannte. Der „wahre" esoterische und monotheistische Kern, der er „Armanismus" oder „Wihinei" nannte, war wenigen Wissenden, den „Armanen" (Kunstwort aus „Arier" und „Germane") vorbehalten. Armanen waren zugleich Wissende, Gelehrte, Priester, Richter und Fürsten. Sie hätten dank ihrer okkulten Kräfte und mit ihrem „durch intuitives Wissen gefundenen Erkenntniswissen" in diktatorischer Machtvollkommenheit über die alten „Ariogermanen" geherrscht - und würden wieder herrschen.
Bezeichnend sind seine Vorstellung vom Christentum: Das Christentum sei eigentlich eine germanische Religion, die aber von den Juden zu einer „Sklavenreligion" entstellt worden sei. 
Der Ariosoph Gorsleben gibt in seinem Buch „Die Hoch-Zeit der Menschheit" für den ario-germanischen Ursprung der biblischen Religion allen ernstes folgende „etymologische" Begründung: Juden = Juten = Guten = Goten = Gottesvolk der Bibel ...

List sah den „Wuotanismus" vor allem als Instrument zur Erhaltung der arische Rasse und zur Zucht einer „Edelrasse". In einer Gesellschaftsordnung á la List hat der Adel die Aufgabe, ein Edelgeschlecht heranzuzüchten. „Adel" ist im ariosophischen Utopia das Zeichen besonderer Rassereinheit. Auch die Ehe ist nichts anderes als eine Zweckgemeinschaft zur Aufzucht möglichst „hochwertigen" Nachwuchses. Nur „reinrassigen" Ariern sollten Freiheit und bürgerliches Recht gewährt werden. „Minderrassige" seien für dienende Funktionen da, Tagelöhner und Sklaven, ohne Stimmrecht, Recht auf Grundbesitz oder die Möglichkeit, in höhere Positionen aufzusteigen. Diese Rassereligion begründete Guido „von" List unter anderem mit der Lehre von der Wiedergeburt: Fast wie im hinduistischen Kastensystem wird jeder an dem Platz geboren, den er sich durch Taten in früheren Leben „verdient" hatte - allerdings ergänzt durch ein pseudo-darwinistisches Modell der „Höherentwicklung".

Der „listige Guido" im Titel ist mehr als ein Wortspiel. Geschickt schaffte er es Industriellen, Adligen und hohen Beamten seine Lehre buchstäblich zu „verkaufen": Er lieferte eine Ideologie, die selbst erbärmlichste Ausbeutung als „naturgegeben" rechtfertigte, und deren „exoterische" „Außenschicht" sich trefflich dazu eignete, Bauern, Kleinbürger und „arische" Arbeiter ruhigzustellen: Auch ihr gehört zu den „Edelmenschen", auch wenn ihr für eine untergeordnete Position geboren seid. Ihr könnt ja immer noch auf die „Minderrassigen" herunterschauen, die die Drecksarbeit machen. Seid ihr brav, werdet ihr im nächsten Leben adlige Herren sein, muckt ihr auf, kommt ihr das nächste Mal eben als Neger-Sklaven zur Welt.
Außerdem „verkaufte" List mit seiner Lehre gutes Gewissen, in dem er die Ausbeutung und Unterdrückung ganzer Kontinente „religiös" rechtfertigte. Seine Gönner entlohnten ihn mit Geld und Beziehungen. So „investierte" der Großindustrielle Friedrich Wanniek, der Stifter und Ehrenpräsident der „Guido-von-List-Gesellschaft", 2000 Kronen (damals ein kleines Vermögen) in List. Erstaunlich ist Lists Talent, Verbündete zu finden. Wie man Seilschaften - in doppelter Wortbedeutung - bildet, hatte er ja schon im Alpenverein gelernt. 

Höchst wirksam war der mystizistische Schleier , den List über seine Lehre breitete - egal, ob durch schlaue Überlegung oder rein intuitiv. Er glaubte - oder behauptete - das Geheimnis um die Runen und den Ursprung der Sprache von seinen Ahnen, durch Erberinnerung , erhalten zu haben. Ein großer Teil von Lists „Schauungen" fand angeblich nach einer Augenoperation im Jahre 1902 statt, als er längere Zeit in einem völlig abgedunkelten Zimmer verbringen musste.
Lists „Erkenntnisse", die übrigens allen wissenschaftlich gesicherten Fakten widersprechen, erlangten nie die von ihm erstrebte akademische Anerkennung. Durch seine Bemühungen um „wissenschaftliche Anerkennung" und durch seine zahlreichen Bücher, u. A. „Deutsch-Mythologische Landschaftsbilder" (1891) und sein „Bestseller" „Das Geheimnis der Runen" (1902), erhöhte sich sein Bekanntheitsgrad so sehr, dass 1908 die „Guido-von-List-Gesellschaft" gegründet werden konnte, die Lists „Forschungen" finanzierte und publizierte. Ihre Mitglieder stammten überwiegend aus der gesellschaftlichen „Elite" Österreich-Ungarns: Großbürger, Adelige, Großindustrielle, Regierungsräte, Professoren und hohe Militärs. Außerdem gehörten ihr einige „völkische" Vereinigungen und die gesamte „Wiener Theosophische Gesellschaft" an.
Seine Schriften gehörten und gehören zur „Leib- und Magenlektüre" völkisch-esoterischer Kreise. Sie zählten zu der bevorzugten „Bildungslektüre" Hitlers. Vor allem Lists Runenbuch erreichte hohe Auflagen und genießt auch heute noch großes Ansehen bei völkischen Esoterikern. Es wurde zum Auslöser einer lange nachwirkenden „Runenwelle" unter deutschen Okkultisten, die unter Lists Einfluss sogar eine pseudo-germanische Variante des Yoga, das Runenyoga, entwickelten. Unnötig eigentlich zu erwähnen, dass Lists Runenkunde mit den historischen Runen nichts gemein hat.

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2. Die Ariosophie - eine Quelle des Nationalsozialismus
 
Eine wichtige Figur in der weiteren Entwicklung der Ariosophie war Jörg Lanz „von Liebenfels" , der Gründer des „Ordo Novi Templi". Adolf Josef Lanz, auch ein Adliger von eigenen Gnaden , war zunächst Zisterziensermönch. 1899 verließ er den Orden und gründete um 1900 den „Neuen Templer-Orden" oder „Ordo Novi Templi". Nach einige sozialdarwinistischen Büchern veröffentlichte er 1905 seine Schrift „Theozoologie" und gründete die Zeitschrift „Ostara" , die 
„einzige und erste rassenwirtschaftliche Zeitschrift, die die Ergebnisse der Anthropologie praktisch in Anwendung bringen will, um den Umsturz und das Urrassentum wissenschaftlich zu bekämpfen und die europäische Edelrasse durch Reinzucht vor dem Untergang zu bewahren". 
Schwerpunkt waren antiliberalistischen und alldeutschen politische Theorien. „Rassenkunde", Antifeminismus, Antisemitismus und Anti-Parlamentarismus nahmen breiteren Raum ein. Zu den Autoren zählten unter anderem Mitglieder der „Guido-von-List-Gesellschaft", zu den Stammlesern ein gewisser Adolf Hitler. Später behauptete Lanz vor Mitgliedern seines Ordens, Hitler sei „unser Schüler".

In seinem Hauptwerk „Theozoologia oder die Kunde von den Sodomsäfflingen und dem Götter-Elektron" vertrat Lanz die Ansicht, dass einst Mitgliedern der göttlichen Hierarchie, die er „Elektrozoa" nannte, auf der Erde gelebt hatten. Die „guten" „Theozoa" hätten „Menschenhochzucht" betrieben, wobei sie sich hochtechnischer Hilfsmittel bedienten; die „arische Rasse" war das Resultat ihrer Versuche. Ihre Gegenspieler, die „Dämonozoa" hätten sich mit den Tieren vermischt, woraus sich die „dunklen Rassen" entwickelt hätten. Der christliche Sündenfall ist also nicht anderes als die in mythologische Form gekleidete Rassenvermischung.

Lanz Lehre weist einige Parallelen zum Weltbild der Paläo-Astronautik (prominentester Vertreter: Erich von Däniken) auf. Allerdings deutet nichts auf eine direkte ideologische Verwandtschaft hin - es gibt lediglich eine wage „Ideen-Traditionslinie", die über einige frühe deutschen Zukunftsromane und die durch sie beeinflusste deutsche Science Fiction der 1950er Jahre zur Götter-Astronauten-Hypothese verläuft. Der extreme Rassismus und die „völkischen" Phantasien gingen nicht in die universalistisch geprägte „Acient-Astronaut"-Weltanschuung nach von Däniken ein!

Lanz sah sich in einer Zeit der Herrschaft der „Niederrassen" und entwickelte ein Programm zur Beseitigung dieser Zustände. Es nimmt die Rassenpolitik und Judenverfolgungen im NS-Staat vorweg. Er empfahl Prämien für „Blondehen", Sonderrechte für Blonde, Klöster für „Zuchtmütter", Reinzuchtkolonien, Vielweiberei für blonde Männer, „Ehehelfer" für zeugungsunfähige Männer und ähnliches. Als Maßnahmen gegen die "Tschandalen", die „Minderrassigen", empfahl er kinderlose Ehen, Propaganda von Verhütungsmitteln, Kastration, Sterilisation, Prostitution, Einstellung von Wohltätigkeiten, Sklaverei, Zwangsarbeit, Deportationen in die Wüste, Verwendung als „Kanonenfutter" im Krieg.

Nicht „nur" die spätere Praxis bezogen die Nazis aus ariosophischen Quellen. Die Ariosophie lieferte eine einfache, immer aufgehende, Sündenbock-Theorie: Was immer bei den angeblich „höheren Rassen" und ihren Gemeinwesen nicht vollkommen sein sollte verschulden immer die anderen, die „Dunklen". Die Feindbilder können wechseln, ein Feind, auf den das eigene Minderwertigkeitsgefühl projiziert wird, ist aber immer präsent.

Der esoterisch-religiöse Rassismus der Ariosophie ist in erster Linie sozial zu verstehen. Es ging - und geht - den Ariosophen darum, eigentlich soziale und politische Veränderungen - in Richtung offene demokratische Gesellschaft wie in Richtung Sozialismus - abzufangen, und die ungleichen sozialen Verhältnisse zu zementieren oder noch extremer zu gestalten. Zu diesem Zweck werden Menschen aufgrund ihrer ethnisch-genetischen Abstammung abgewertet. Gegebenenfalls können „niedere Rassen" je nach politischem Bedarf „konstruiert" werden.
Das „ideale Feindbild" war nicht nur für Hitler in „bester" ariosophischer Tradition „der Jude", gerade weil es eigentlich so wenig konkret war. („Wer Jude ist, bestimme ich!" - Ausspruch des Wiener Bürgermeister und Antisemiten Karl Lueger, später immer wieder gern von diversen Nazigrößen zitiert.) Egal, ob es gegen die „Bolschewisten" oder das „internationale Finanzkapital" ging - die Juden gaben in der Nazi-Weltsicht immer einen brauchbaren Sündenbock ab.

Der Rassismus der Nazis hatte okkulte Wurzeln - ohne jetzt der unhaltbaren These, die Nazi seien „in Wirklichkeit" Ausführungsgehilfen einer okkulten Verschwörung gewesen, Wort zu reden. Hitler war sicherlich kein Okkultist - nachdem er sie nicht mehr brauchte, rückte er von vielen völkisch-esoterischen Gruppen ab und ließ sogar ehemalige Steigbügelhalter wie den „Tannenbergbund" Ludendorfs unterdrücken. Fast alle authentischen Zeitgenossenberichte deuten darauf hin, dass Hitler den Okkultismus und Okkultes ablehnte, ja nicht einmal ernst nahm. Es wäre dennoch falsch, ihn als reinen, eiskalten, letztlich materialistischen Machtmenschen zu sehen, der Mythen nur für seine Zwecke vereinnahmte. Es bleibt eine Tatsache, dass Hitler eine vernunftbestimmte, logische Weltsicht durch die Bank als „jüdisch-rational" ablehnte, er bevorzugte sein Leben lang Theorien „intuitiver Erkenntnis", wie die Ariosophie oder auch die obskure „Welteislehre". Dass Hitler sich selber als eine Art „weltlicher Messias" sah, als Günstling der „Vorsehung", ist gut belegt.

Während des 1. Weltkriegs griff die „Thule-Loge" , die sich als „Gegengewicht" zu den angeblich „jüdisch verseuchten" Freimauererlogen verstand, ariosophisches Gedankengut auf. Sebottendorfs „Thule-Gesellschaft" entstammten viele spätere Nazi-Funktionäre, wie „Chefideologe" Alfred Rosenberg oder Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess. Wenig bekannt ist, dass die DAP, aus der die NSDAP hervorging, ursprünglich der „politische Arm" der „Loge" war. Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts", eines des grundlegenden weltanschaulichen Werke des deutschen Faschismus, ist von der „Arier-Urheimat" Atlantis bis zum „spirituell" begründeten Antisemitismus auf weite Strecken Ariosophie pur!

Auch andere ariosophische geprägte esoterische Gemeinschaften waren „Denkfabriken" der Nazi-Weltanschauung. So die Artamanen-Bewegung um den 1923 in München gegründeten Verein „Artam e. V.". Bei den Artamanen verband sich die Ariosophie mit Gedanken der Lebensreform, der Naturschutzbewegung und Ideen Oswald Sprenglers („Der Untergang des Abendlandes"). Sie verfolgten eine stramm agroromantische Zielsetzung: Dei Artamanen verherrlichten die Bauern als die einzigen „organischen Menschen" und predigten die Abkehr von der „internationalen Asphaltkultur der Großstädte". Sie verabscheuten die westliche „Zuvielisation" und träumten von einem naturverbundenen Leben ohne Industrie. Das Mittel zu diesem „sanften" Zweck war brutale Gewalt bis zum Völkermord: „Lebensraum" sollte im Osten erobert werden, damit das deutsche Volk wieder zur Scholle zurückkehren könne. Aus den Artamanen rekrutierte sich etwas, was man den „grünen Flügel" der Nazi-Partei nennen könnte. Wie der „linke" Flügel der NSDAP („Beefsteak-Nazis": außen braun, innen rot) oder viele völkisch-okkultistische Gruppen wurden sie bald nach der Machtergreifung zugunsten der „machtpolitisch wertvolleren" Großindustrie ausgebootet.
Der ehemalige bayrische Gauleiter der Artamanen, Heinrich Himmler , betrachtete „seine" SS als legitime Erbin der Artamanen. Er übernahm nicht nur die Uniform, das „Artamanenschwarz", sondern auch die Weltanschauung, allerdings ergänzt um einen zynischen Opportunismus und ohne die ursprüngliche Technikfeindlichkeit. Der „Reichsführer SS" war und blieb bis zu seinem Selbstmord 1945 - anders als Hitler - ein in der Wolle gefärbter Okkultist ariosophischer Prägung.

Sieht man die Ariosophie als eine religiös-gesellschaftliche Reaktion auf Arbeiterbewegung, Demokratie und Internationalismus, war es möglicherweise keine „Notlösung", dass das deutsche Besitzbürgertum 1933 aus Angst vor der Arbeiterbewegung der NSDAP den Weg zur Macht ebnete. Dieser Schritt war lediglich konsequent, unabhängig davon, ob die verantwortlichen Bank- und Industriepotentaten diesen Zusammenhang erkannten oder nicht. Meisten hielten sie persönlich nicht viel von „völkisch-okultistischer Schwärmerei". Sie erschien einfach im Sinne des Machtgewinns „nützlich".

Der historisch beispiellose industriell betriebene Völkermord der Deutschen im 2. Weltkrieg bliebt wie die inzwischen erwiesene Tatsache, dass keine Regierung in der deutschen Geschichte bis heute sich auf eine so aktive und breite Unterstützung durch die Bevölkerung stützen konnte wie das NS-Regime , ein letztlich unerklärbares Rätsel, wenn man einzig soziale, politische, historische und ökonomische Erklärungen heranzieht. Erst die religiös-psychologische Dimension, der Missbrauch der Archetypen, der Appell nicht nur an „niedere Instinkte", sondern vor allem an „alte Denktraditionen", kann meines Erachtens annähernd erklären, wie aus braven Bürgern Hitlers willige Vollstrecker werden konnten. Legt man dem NS-Regime ein ariosophisch-esoterisches Weltbild zugrunde, wären Völkermord und Vernichtungskrieg nach wie vor Wahnsinn - aber ein Wahnsinn mit Methode, mit einer perfiden inneren Logik.

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3. Der Armanenorden
 
Nach 1945 war „völkische Esoterik" verständlicherweise lange Zeit tabuisiert. Eine wirkliche öffentliche Auseinandersetzung fand dennnoch weder in der eifrig verdrängenden BRD noch in der von einem auf rein ökonomisch/politische Erklärungsmodelle verengten staatlichen Antifaschismus geprägten DDR statt.

In der 1960er Jahren gründete Adolf Schleipfer die „Guido-von-List-Gesellschaft" neu. Von Anfang an dabei war seine Frau Sigrun Schleipfer , geborene Sigrun Hammerbacher, Tochter eines NSDAP-Kreisleiters, die sich manchmal in ariosophischer Selbstadlungstradition Sigrun Freifrau von Schlichting nennt.
1976 gründete Adolf Schleipfer zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Sigrun den Armanenorden (AO) .Der AO beruft sich im wesendlichen auf List und Lanz, von etwaigen unbedeutenden Modernisierungen abgesehen. So vermeiden die Armanen die gröbsten Antisemitismen ihrer Vorgänger - wohl auch, um einem Verbot vorzubeugen.

Frauenrolle und Wirtschaftsleben in der armanischen Weltanschauung
Auch die Stellung der Frau wird anders definiert als einst bei Lanz „von Liebenfels": der AO vertritt religiös begründet die Gleichstellung von Mann und Frau. Frauen können innerhalb der religiösen Hierarchie des AO gleichberechtigt aufsteigen.
Das dürfte zum Teil ein Zugeständnis an die gewandelten gesellschaftlichen Verhältnisse sein, oder ein Ausdruck der simplen Tatsache, dass eine Frau an der Spitze des AO wohl schwerlich das brutal frauenfeindliche Weltbild der alten Ariosophen vertreten kann. Dennoch unterscheidet sich die Frauenrolle im AO deutlich von dem der Moderne. Sie folgt in etwa dem Vorbild der Nordgermanen der Wikingerzeit: Die Frau war Herrin im Haus, in das ihr der Mann, der draußen im „feindlichen Leben" stand und oft lange Zeit abwesend war, nicht ohne weiteres hineinreden konnte. Ansonsten ist die Frau, wie im NS-Weltbild, vor allem für die Erhaltung der „Art" verantwortlich. Ihre Aufgabe ist es, möglichst viele gesunde germanische Kinder zu gebären. Bestes Beispiel dafür ist Sigrun Schleipfer selber, die acht Kinder hat.
In der Irminsul , der Zeitschrift der Guido-von-List-Gesellschaft, heißt es:

„Dem Germanen ist der wotanistisch Schöpfungswonne (abgekürzt WSW) ist das Weib Göttin ... Wenn behauptet wird, daß besonders die germanische Frau dazu neige, aus Gründen der Geschlechterspannung fremdrassigen Männern zu verfallen, dann liegt es nicht an der germanischen Frau ... sondern dann liegt das daran, daß der germanische Mann von der Religion der WSW abgefallen ist ... Die germanische Frau muß also nicht unter „rassenzüchterische Aufsicht" gestellt werden, sondern der germanische Mann hat zur angestammten Religion des Blutes, zur WSW, zurückzukehren, womit den Fremdrassen jede Macht über die germanische Frau entzogen ist."
Gegenwärtig stellt der AO einen katastrophalen Geburtenrückgang der nordischen Rasse fest, welchen er mit der Ausschaltung der Frau aus der Volksgemeinschaft durch die christliche Religion begründet.

In wirtschaftlicher Hinsicht vertreten die Armanen eine bizarres, teils sozialistisch anmutendes, teils betont „völkisches" Modell.
Als Grundübel gilt „das zu Raubverhalten treibenden Zinsgeldwesen". (Übrigens eine gängige Phrase Antisemiten aller Couleur, die für dieses „Zinsgeldwesen" für eine Erfindung der angeblich geldscheffelnden Juden halten.) Als Lösung bietet der AO eine „zinsfreie Wirtschaftsordnung mit volkseigenem Geld" an. Jedes Land sollte sein volkseigenes Geld haben, jedes Land mit verschiedenem Klima müsse verschiedene Geldsorten besitzen, wobei nach Ansicht der Armanen auch der Aspekt der verschiedenen Mentalitäten eine Rolle spielt. So müsse doch das selbe Geld in kalten Ländern immer mehr wert sein als in warmen, da in ersteren der Grundlebensbedarf außer Lebensmitteln und Bildung auch noch warme Kleidung, feste Häuser und Heizmaterial umfasst. (Das Angenehme aus „nordischer Sicht": solche „Muschelwährungen" geringer Kaufkraft erlauben es, tropische Länder im Außenhandel kräftig zu benachteiligen. Der AO rechtfertiogt also ein postkolonialistisches Ausbeutungsmodel. )

Eher sozialistisch klingt die Forderung, dass jede/r monatlich eine Grundrente erhalten soll, die einem Existenzminimum gleichkommt. Auf den ersten Blick scheint es, dass allen Menschen, egal ob sie produktiv oder unproduktiv (im kapitalistischen Sinne) tätig sind, eine finanzielle Chancengleichheit geboten wird. Nach armanischen Vorstellungen wird dadurch die Arbeitslosigkeit gemindert, indem z.B. die Frau für ihre Dienste im Haus mit einer Grundrente entlohnt wird. Auf den ersten Blick ist dies eine Aufwertung der Hausfrau. Bei genauerer Betrachtung könnte diese Modell leicht darauf hinauslaufen, die Frauen endgültig aus dem Arbeitsprozess herauszukatapultieren.

Alles in allem wirken die wirtschaftspolitischen Zielsetzungen der Armanen ausgesprochen laienhaft und weltfremd.

Religion
Die Armanen beschäftigen sich mit keltischen und germanischen Göttern - nach außen hin. Im Unterschied zu vielen anderen „Neuheiden" verzichten sie dabei großzügig auf eine historisch plausible Rekonstruktion der keltisches und germanischen Religion. Schon die ständige Gleichsetzung von keltisch und germanisch ist entlarvend, den bei aller grundsätzlichen Verwandtschaft war die religiöse Praxis dieser beiden Kulturen deutlich verschieden. Sie berufen sich dabei auf angebliches „altes Wissen", das die Armanen kritiklos aus den Schriften Guido „von" Lists beziehen. Sehr gerne folgt man als Armane den phantastischen und rassistischen Theorien von Lanz „von Liebenfels" oder auch den SS-Mitgliedern Richard Anders und Günther Kirchhoff, deren versponnenen Deutungen selbst Himmler und dem „Ahnenerbe" zu weit gingen. So glauben die Armanen, die erst im Mittelalter aufgezeichnete „Edda" reiche in Wahrheit vor die letzte Eiszeit zurück.
Welche Religion jemand ausübt, ist im AO-Verständnis nicht der seiner/ihrer freien Entscheidung überlassen, man sollte sich für eine „artgemäße Religion" entscheiden, weil bei der Verbindung mit einem „fremden" Gott „innerliche Verformung" drohe. Solche „Fremdreligionen" sind nach armanischer Lesart das Judentum, der Islam und vor allem das Christentum. Das Christentum ist für die Armanen das Feindbild schlechthin , es sei verantwortlich für die meisten Missstände der neuzeitlichen Welt.

Nach innen hin sieht die Sache anders aus: Der innerer Kreis ist nach eigenen Verständnis geistig viel weiter und hat frei nach theosophischem Muster „erkannt", dass letztlich alle Götter ein Gott sind.

Organisation
Die innere Struktur des Armanenordens besteht im Wesentlichen aus einem der Freimaurerei abgekuckten Einweihungssystem in Graden. Die ersten drei Stufen, Lehrling, Geselle und Meister - auch „Goden-Grade" genannt - bilden die sogenannte „Volkspriesterschaft", die eigentlich jeder erreichen sollte. Wie bei vielen anderen „esoterischen" Gesellschaften gibt es daneben einen inneren Kern der „Eingeweihten": Die Armanen-Ordens-Grade , die bis zum neunten Grad führen und angeblich einer esoterischen Einweihungsordnung entsprechen. Über allen steht der Großmeister der hohen Amanenschaft. Das Wissen, das notwendig ist, um diese Grade zu erlangen, wird den Mitgliedern in Form von sogenannten „Leitbriefen" durch die Ordensleiter vermittelt. Der Inhalt dieser Leitbriefe wird geheimgehalten.

Längst nicht jeder, der es möchte, kann Armane werden.
„Angehöriger des Armanenordens (AO) ist jeder Ariogermane, der nach seiner Veranlagung die Vorraussetzung zu armanischem Denken, Fühlen und Handeln zeigt. Die Zugehörigkeit zum AO wird daher nur durch artgerechte Geburt in der Volksgemeinschaft erworben ..."
Auch sind beispielsweise Hochzeiten im armanischen Sinne nur dann möglich, wenn beide Partner arischer Abstammung sind (ob es einen Ahnennachweis á la SS gibt, entzieht sich meiner Kenntnis) und sich beide Partner im rassischen Erscheinungsbild einander ähneln. Diese und andere rassistische Gedanken ziehen sich quer durch die Zeitschriften des AO. Auch wenn er es öffentlich immer wieder bestreitet: der AO sieht sich offensichtlich als „rassische Elite".

Diese „Zwiebelschalen"-Struktur des Ordens spiegelt getreulich das von List gezeichnete Bild wieder. Außen die „Volkspriesterschaft", die eine polytheistische „heidnische" Religion vertritt. Sie gibt sich relativ demokratisch, von Rassismus oder gar Antisemitismus ist auf dieser Ebene nicht viel zu spüren. Innen die Armanen, mit ihrem auf der Theosophie beruhende, von List ausgearbeiteten, von Lanz beeinflussten, monotheistischen und rassistischen Weltbild.
Hinzu kommen die äußere „Zwiebelschalen": Ein System von konzentrischen Kreisen der mit dem Armanenorden verbundenen bzw. kooperierenden Organisationen. Sie haben ebenfalls ein der Freimaurerei entlehntes System von Einweihungsgraden und werden von Armanen geleitet.
Der Armanen-Orden tritt nach außen hin nicht offen rassistisch auf. Im Gegenteil dementiert er grundsätzlich jede rassistische Tendenz und führt auch neue Mitglieder (und erst recht die seiner Satellitenorganisationen) nur langsam an die rassistischen Kernaussagen seiner Lehre heran.

Einige Beispiele für die Weltanschauung der Armanen
Die Leitbriefe hält der Armanenorden nicht ohne Grund geheim. Allerdings gibt es, wie in jeder Organisation dieser Art, „undichte Stellen".

Ich betone, dass ich diese Äußerungen hier nur zum Zweck der Information zitiere, inhaltlich distanziere ich mich entschieden von den zitierten Ansichten!

Leitbrief 5, 1.Stufe, Seite 2

„... Durch die vorigen Leitbriefe haben wir (...) Einblick in die Frühentwicklung unseres Volkes erhalten; auch, daß es durch unsere germanischen Vorfahren, der indoarischen Völkerfamilie, der weißen Rasse entstammt, die auf die Atlanter zurückgeht. (...)"
Es folgen ein paar sprachwissenschaftlich gesehen abwegige Versuche, "arisch" von  "Aar"/Adler und "Ra" (Ägypten) herzuleiten, sowie über die Assoziation mit Licht "Hellas" (Griechenland) in das Weltbild einzubeziehen.
"Leider sind sie" (die Griechen) "später der Rassemischung erlegen und dadurch als Kultur untergegangen".
Entspricht das noch in etwa gängigen Aussagen „völkischer Esoteriker", kommt der Leitbrief auf Seite 5 zur Sache:
"(...) Durch Ostkolonisation, preußische Zuverlässigkeit, Wissenschaft und Kunst, wurde die Grundlage eines neuen Reiches geschaffen. Kaum jedoch war das junge Reich proklamiert, neue Eliten nachgewachsen, wurde unter fadenscheinigen Begründungen in zwei katastrophalen Weltkriegen erneut abgeschöpft."
Ein weiteres Beispiel für das rassistische Weltbild der Leitbriefe: (Zur Erläuterung: Sonnenvölker = „weiß", Mondvölker = „dunkel".)

Leitbrief 30, 1.Fortsetzung / 3.Stufe, "Hyndla-Lied"

„Es ist ein Naturgesetz, daß die Sonnenvölker allein diejenigen sind, die Kultur, Kunst und schöpferische Entfaltung hervorbringen, (...) Deshalb leben die Mondvölker vom Raub an den Sonnenvölkern, die sie abernten und zwar meist so vollständig, daß sie nicht nur deren Habe wegnehmen, sondern auch deren Leben. Daher kommen die entsetzlichen Verbrechen, Raubkriegs und Völkermordgeschehnisse (sic) der vergangenen und der kommenden Zeiten in den meisten Fällen. (...) Mit hinterlistigen Verdrehungen der Gesetze, Fälschung der Geschichte und Überlieferungen, Entwendung echter Urkunden, Lügen und Betrug, gewissenloser Ausbeutung ihrer Opfer, immerwährender Mordbereitschaft und Todesdrohung, vermögen sie die Sonnenmenschen zu erschrecken, einzuschüchtern und zum Verzicht ihrer Naturrechte zu veranlassen. Dadurch werden die Sonnenmenschen dann zuerst bastardisiert, dann versklavt und schließlich ausgelöscht" (...) 
"Ihre Raubtätigkeit ist so gründlich, daß sie dort, wo sie wohnen, Wüste um sich verbreiten. Den Sonnenvölkern ziehen sie hinterher oder umlauern sie, um ständig ernten zu können, was andere gesät haben. Dadurch entstanden die neueren Wüsten auf unserer Erde" (...)
"Dadurch werden die möglichen Kulturgebiete auf der Erde immer kleiner und die Lebensmöglichkeiten der Sonnenvölker aus Raumgründen immer mehr eingeschränkt. (...) Aber das schlimmste daran ist, daß die Sonnenmenschen durch Vermischung geistig so umnachtet sind, daß sie die Lage garnicht (...) wahrnehmen."
Nach einer Ausführung über die Sahara, die sich nach Armanenlehre entgegen der üblichen Geographie bis zum Irak herauf erstreckt (logisch, da sonst Israel ja außen vor wäre), folgt eine weitere heftig rassistische Passage:
"Das (Schutz der eigenen Art) ist sehr notwendig, denn die Natur hat die Sonnenvölker auch dadurch benachteiligt, daß die Sonneneigenschaften der Erbmasse sehr empfindlich sind. Kommt mehrfach Mondblut dazu, erlahmt die Schaffenskraft, die Schöpfungskraft. Die Nachkommen der ersten Mischungsverbindung werden oft spitzfindig und rechthaberisch, unzufrieden und „un-artig", in den folgenden faul und unfähig sich selbst und andere zu erhalten."
Letztendlich beruht dieses rassistische Weltbild auf der Wurzelrassenlehre der Theosophen:

Leitbrief 32 / 3.Stufe

"Vielmehr gibt es nur eine einzige organisch gewordene Menschenrasse: Die arische (weiße) Rasse.
Die farbigen Bestandteile der Menschheit, sind durch frühe Kreuzungen mit Vormenschenformen mit der 5. (arischen) Wurzelrasse entstanden. Alles was am  Menschen menschlich aussieht, haben alle Rassen von der arischen Wurzelrasse. Was jedoch von der arischen Wurzelrasse abweicht, stammt aus dem Vormenschenbereich !"
(Hervorhebungen im Original.)
Hierauf folgt eine Ausführung über die angeblich bahnbrechenden Erkenntnisse der Rassenforschung des frühen 20. Jahrhunderts.
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4. Die Strategie: Unterwandern und Verbünden
 
Wie schon erwähnt, hat der Armanenorden eine große Zahl Satellitenorganisationen, vor allem in der „Heidenszene": viele neuheidnischen Organisationen, die oft ebenfalls mit Einweihungsgraden operieren, sind mit dem Armanenorden organisatorisch verbunden oder anderweitig verfilzt. 
Eine dieser „verfilzten" Organisationen ist beispielweise die „Artgemeinschaft", die der als Verteidiger von verschiedenen Neonazis bekannt gewordene Jürgen Rieger leitet. Nach außen hin, z. B. auf der Homepage „Asatru.de", vertritt die „Artgemeinschaft" allerdings eine historisch wesendlich glaubwürdigere Version des germanischen „Artglaubens" als der AO selber. Somit ist er als „Vorfeldorganisation" sowohl der rechtsextremen Szene wie des AO auch für ernsthaft an altgermanischer Religion und Lebensweise Interessierte attraktiv; der unkundige Leser merkt allenfalls, dass die „Artgemeinschaft" „irgendwie rechts" ist. (Rieger ist nicht von ungefähr ein gerissener Anwalt.) Ganz nebenbei gibt es über den „Artglauben" noch Übergänge/Umarmungsversuche in Richtung zur rechtsintellektuellen, nicht-neonazistischen, „Neuen Rechten". Eine andere armanische verfilzte Germanen-Gruppe ist der „Bund der Goden e.V." .

Geradezu unverschämt ist der Alleinvertretungsanspruch der Armanen für alle Naturreligiöse und Heiden Europas . Im Grunde ist jeder „reinrassige Ariogermane", der einer keltischen, germanischen oder verwandten Religion angehört, automatisch Armane - auch wenn sie oder er es selber nicht weiß. Und auch die armen Christen und Atheisten arischen Blutes warten nur darauf, endlich von ihren fremdländischen Irrlehren erlöst zu werden und den wahren Artglauben armanischer Lesart anzunehmen. Der AO ist damit also selbsternannte Interessenvertretung und potentielle Dachorganisation für alle Heiden des Abendlandes und - nach dem Endsieg über die „Wüstenreligionen" - das künftige Machtzentrum der westlichen Kultur.

Somit ist nur folgerichtig, dass der AO sich berufen fühlt, alle heidnischen Gruppen unter seine Fuchtel zu bringen. Über die von Sigrun Schleifner ins Leben gerufene „Arbeitsgemeinschaft naturreligiöser Stammesverbände Europas" (ANSE) hält der AO Kontakt zu anderen, meist „unpolitischen", heidnischen Gruppierungen. Nicht wenige Autoren, so Schnurbein in „Religion als Kulturkritik" sprechen sogar von einer Vorherrschaft der Armanen in der deutschen Heidenszene, einem „Armanenblock". Selbst einige Hexen-Coven der allgemein als keineswegs als „rechts" einzuordnenden Wicca wurden armanisch vereinnahmt. Da die Armanen mittlerweile einen üblen Ruf genießen, verschleiern „Vorfeldorganisationen" im allgemeinen ihre „Armanen-Connection". (Durch ihr „ganz spezielles" rassistisch-esoterisches Weltbild verraten sie sich in aller Regel früher oder später doch.) Es zeigt sich, dass gerade die unpolitischen Gruppen von den rechtsextrem ausgerichteten, wie dem Armanen-Orden, instrumentalisiert werden können: Politische Naivität ist gefährlich.

Die „Heidenszene" dürfte über den AO also deutlich „rechts" unterwandert sein. Das liefert all jenen wohlfeile Argumente, die „heidnisch" und vor allem „germanisch" pauschal mit „rechtsradikal" gleichsetzen. Diese kirchlichen, linken oder sonstigen „Hexenjäger" helfen mit ihren Vorurteilen indirekt und unbeabsichtigt den eigentlich von ihnen bekämpften Armanen: Wer sich verfolgt wähnt oder diskriminiert wird, sucht Schutz bei einer „starken" Gemeinschaft - im Falle der Heiden bietete sich der Armanenblock bereitwillig an. Mit jedem Menschen der beim Block unterkriecht, wächtst dessen Macht. Die Freundlichkeit, die Angehörige des Blocks anderen Heiden erweisen, solange diese nur keine antifaschistische Haltung vertreten, ist also Methode.

Auch außerhalb der Heidenszene tragen die Armanen gerne ihre "Unterwanderschuhe". Auf lokale Ebene versuchte der AO selbst mit eher linken Gruppen Bündnisse zu schließen - natürlich nicht ohne den „Verbündeten" ganzen Fuhren von Sand über die wahren Zusammenhänge in die Augen zu streuen. So versuchten armanisch Gesonnene Anfang der 1980er Jahre den Berliner Landesverband der Grünen zu unterwandern.

Einiges deutet darauf hin, dass ariosophisch beeinflusstes Denken gerade bei den „Ökoromantikern" unter den Natur- und Umweltschützern und bei den Anti-Globalisten und Regionalisten Fuß fassen konnte - trotz deren in der Regel eher linken Weltsicht. Dabei erleichtert es den rechten Unterwanderern die Arbeit, dass die Esoterik-Szene - vor allem die inzwischen abgeflaute „New Age"-Welle - deutlich von theosophischem Gedankengut mitgeprägt wurde. Eine Geistesverwandschaft zum ariosophischen Denken ist damit gegeben.

Das andere potentielle Einfallstor in die Öko-Ecke sind die Anthroposophen , die wesendliche Kernsätze der theosophischen Weltsicht - wie die „Wurzelrassenlehre", der Glaube an eine globalen Urreligion und das hierarchische Weltbild - in abgeschwächter Form enthalten. (Einige Kritiker sprechen auch von „Theosophie light".) Allerdings sollte die Anthroposophen, die als Vorkämpfer der ganzheitlichen Medizin und Erziehung und vor allem des ökologischen Landbaus („biologisch-dynamische Landwirtschaft") mit Recht einen guten Ruf beim ökologisch und „alternativ" gesonnenen Teil der Bevölkerung genießen, nicht pauschal als potentielle „Fünfte Kolonne" der Ariosophie verdächtigt werden. Es wäre aber zu begrüßen, wenn die Anthroposophen mit ihrem problematischen geistigen Erbe deutlich kritischer umgehen würden. Das gilt natürlich auch für die heute noch aktiven theosophischen Vereinigungen.

Martin Marheinecke, Dezember 2000

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Weiterführende Literatur:

Richard Herzinger / Hannes Stein: „Endzeit-Propheten oder Die Offensive der Antiwestler", Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1995

Hans-Otto Wiebus: „Lexikon der Jugendkulte", Heyne, München 1997

Franziska Hundseder: „Wotans Jünger - Neuheidnische Gruppen zwischen Esoterik und Rechtsradikalismus", Heyne, München 1998.

Rüdiger Sünner: „Schwarze Sonne - Entfesselung und Mißbrauch der Mythen in Nationalsozialismus und rechter Esoterik", Herder, Freiburg-Basel-Wien, 1999.

Hans Schuhmacher u. A: Das Ariosophieprojekt des Rabenclan - Arbeitskreis der Heiden in Deutschland e.V. 
Einsehbar auf der  Website des Rabenclan: http://www.rabenclan.de/

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