30 Jahre Internet
Vom Expertennetz zum World Wide Web
von Martin Marheinecke
Schon bald nachdem Ende 1969 das ARPANET installiert worden war, schlossen sich ihm immer mehr Institute, Universitäten, Industrieunternehmen an - zunächst vor allem im Ursprungsland USA, wenig später auch in anderen „westlichen" Industriestaaten. 
Wegen seiner offenen Architektur eignete sich das „Datennetz ohne Zentrale" besonders gut dazu, mit anderen Netzen, die die selben Übertagungs-Protokolle verwendeten, über „Gateways", Übergangsrechner, verbunden zu werden. Für das sich nun etablierende „Netzwerk der Netzwerke" mit APRPANET-Standard bürgerte sich schnell der Begriff „Inter-Network Communication Network", kurz „Internet", ein.
Der 1972 eingeführte „Electronic Mail Service" beanspruchte bald den größten Teil der Kapazität des jungen Netzwerkes - obwohl in diesen Jahren fast nur Labordaten und Arbeitsnotizen per e-Mail versendet wurden. Das frühe Internet wurde nur von Computerfachleuten, Ingenieuren und Wissenschaftlern benutzt - und von Militärs. Es war nicht im geringsten benutzerfreundlich, man mußte mit einer „Kommandozeilensteuerung" kämpfen, ähnlich der des MS-DOS, aber erheblich umfangreicher und komplizierter. Selbst das Verschicken einer e-Mail erforderte eine gründliche Einarbeitung. Private Nutzer gab es in den ersten Jahren nicht, Rechenzeit war noch so kostbar, daß „privater Mißbrauch" streng verpönt war. Ende der 70er Jahre änderte sich diese Situation.
1978 wurde in den Bell Laboratorien das „Unix to Unix Protocol" (UUCP) entwickelt. Es ermöglicht den Datenaustausch zwischen Rechnern, die unter dem populären Betriebssystem UNIX (und seinen Abkömmlingen wie XENIX und LINUX) laufen. Auf der Grundlage des UUCP entstand ab 1979 das Usenet , das UNIX-Systeme überall auf der Welt miteinander verbindet und strenggenommen nicht als Teil des Internets betrachtet wird, da es z. T. eigene Übertragungsprotokolle verwendet - allerdings war es von Anfang an eng mit dem eigentlichen Internet verflochten. Das Neue am Usenet waren die Newsgroups , Diskussionsgruppen bzw. elektronische „Schwarze Bretter", die sich einem bestimmten Thema widmen und damit ein Medium schufen, über das Informationen unkompliziert und schnell über die ganze Welt verbreitet werden konnten. Auch heute noch sind die Newgroups einer der wichtigsten Bestandteile der weltweiten Netzgemeinde. Anfangs gab es nur wissenschaftliche und technische Newsgroups, aber schon bald kamen, ausgehend von den Universitäten, Hobby-Newsgroups hinzu. Mit dem Homecomputer-Boom der frühen 80er Jahre gab es erstmals private Internet-Nutzer, mit den ersten UNIX-fähigen PCs Mitte der 80er Jahre gingen auch Amateur-Anbieter „ans Netz".
1983 wurde das zivilen Netz vom militärischen Netz („Millnet") getrennt. Wichtiger noch war die Umstellung des Internets auf den seit 1978 entwickelten neuen Standard TCP/IP (Transmission Control Protocol / Internet Protocol). Von nun an konnte das Internet als „Netzwerk der unter TCP/IP laufenden Netzwerke" definiert werden. Ein ausgefeiltes Adressierungssystem erleichterte den Zugriff auf die vernetzten Computer (der "Normal-User" bekommt hiervon nur den "Universal Recource Locator", kurz ULR, zu sehen ). Für geschlossene Netzwerke innerhalb von Firmen, Behörden und Universitäten, die ebenfalls TCP/IP-Normen verwenden, bürgerte sich die Bezeichnung „Intranet" ein.
Bis Ende der 80er Jahre war das Internet praktisch ein „Insidernetz" - so suchte man den Begriff „Internet" noch im rororo Computer-Lexikon von 1987 vergeblich! Dennoch waren schon zu dieser Zeit so viele Universitäten und Organisationen am Netz beteiligt, daß es schwierig bis unmöglich wurde, in dem „Datendschungel" die Informationen zu finden, die einen interessierten. Das heute „Surfen" genannte Springen von einer Netzseite zur anderen war noch nicht möglich. So ist es eigentlich erstaunlich, daß erst 1989 ein automatisch aktualisierter Index für das Internet entwickelt wurde, und zwar von einem Team um den kanadischen Informatiker Peter Deutsch an der McGill-Universität in Montreal. Der „Archie" genannte „Archivar" für „Seiten" im FTP-Standard ermöglichte es, Netzseiten schnell zu finden und aufzusuchen - man mußte dafür anfangs allerdings einige UNIX-Kenntnisse mitbringen. Schon bald lief ein großer Teil des Internet-Verkehrs über die „Archies". Etwa zur selben Zeit etablierten sich WAIS (Wide Area Information Server), ein Index-System für Datenbanken, das die Recherchen im Internet erleichterte, und die „Gopher" genannte erste wirkliche anwenderfreundliche Benutzeroberfläche für das Internet in Menütechnik. Auf den „Index-Filern" aufbauend erschienen bald die ersten „Suchmaschinen" für eine mehr oder weniger komfortable Datenrecheche im Internet.
Der britische Physiker Tim Berners-Lee stand Ende der 80er Jahre am europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf vor einem Kommunikationsproblem. Am CERN arbeiteten hunderte Wissenschaftler aus den verschiedensten Ländern und Fachbereichen, oft nur für wenigen Monate in bunten Arbeitsgruppen zusammengewürfelt. Erst recht schwierig war die Kommunikation zwischen den über 7000 Wissen-schaftlern aus mehr als 120 Nationen, die mit dem CERN in Verbindung standen. Eine kleine, chaotische Welt ohne Hierarchien, in ständigen schnellen Wandel, vom Wettbewerb, aber auch von Zwang zur Zusammenarbeit und von Teamgeist geprägt, in der alles davon abhängt, daß Informationen und Ideen allen Beteiligten schnell und einfach zugänglich sind. Obwohl immer mehr Informationen auf Computern erzeugt und gespeichert wurden, die Hardware inzwischen so preiswert war, daß jeder Wissenschaftler Zugang zu einem Computer-Terminal hatte, und obwohl das CERN gut „vernetzt" war, herrschten chaotische Zustände.
Berners-Lee versuchte erst gar nicht, dieses Informations-Chaos zu bändigen. Er benutzte Werkzeuge, die ebenfalls chaotisch sind - und machte damit das Chaos beherrschbar. Seine Lösung beruhte auf dem Internet und dem längst bewährte „Hypertext"-System: Jedes Wort und jedes Bildelement in einem Hypertext-Dokument kann eine Verbindung, ein „Link", zu einer anderen Information sein, einer Fußnote einen Bild oder Tondokument oder eine ganzen Bibliothek. Schon Jahre vorher hatte er ein Programm für sich selbst geschrieben, um Namen, Adressen und Informationen von Leuten zu speichern, die er traf und die ihm empfohlen wurden. Diese Programm wurde der Ausgangspunkt des von ihm „World Wide Web" genannten Systems. Von jeder Stelle des WWW ist es möglich, ohne erst die Gegenseite fragen zu müssen, einen „Link" auf jedes andere Informationsangebot zu legen. Außerdem war die WWW-Software,  vor allem der z erste HTML-Browser "Mosaic"  gehörte, auf allen gängigen Computertypen lauffähig und sehr einfach zu bedienen.
Schnell erkannte Berners-Lee, daß der Mikrokosmos der Physiker am CERN der „großen Welt" entsprach. Er schrieb 1989 in sein Konzept: „CERN hat heute einige der Probleme, denen auch die Welt in ein paar Jahren gegenüberstehen wird." Damit war sein „Word Wide Web" weit mehr als eine Möglichkeit, Forschungsergebnissse schnell zu präsentieren und auszutauschen. Durch das auf dem Internet aufbauende WWW sollte in Berners-Lees Vision jeder Mensch Zugang zu jeder Information weltweit haben, egal wann und wo sie gespeichert wurde, ob sie ihm zugeleitet wird oder ob er sie sich holt. Jeder soll die Informationen, die er für wichtig hält, allen zugänglich machen und sie mit anderen Informationen verknüpfen können.

Nachdem das WWW ab 1991 anwendungsreif war, erlebte es - und mit ihm das Internet - einen beispiellosen Siegeszug. Im November 1992 gab es weltweit 26 Computer, die Informationen ins WWW stellten, im Oktober 1993 gab es schon über 200 WWW-Hosts - 1999 waren es über eine Million. Wie das Internet selber hat das WWW keine „Verwaltungszentrale" und es „gehört" auch niemandem - es gibt mit dem World Wide Web Consortium (W3Org) nur eine Art „Schiedsstelle".

Da das Internet von der US-Regierung gegründet worden war, war es ursprünglich nur für Forschung, Erziehung und den regierungsamtlichen Gebrauch bestimmt. Als Anfang der 90er Jahren die unabhängigen kommerziellen Netzwerke wie z. B. Delphi, AOL,  Compuserve rapide wuchsen, änderte sich das Bild. Sie benutzten eigene Netze für die Datenübertragung, boten aber auch Gateways zum Internet an. Damit wurde die Trennung vom kommerziellen und nichtkommerziellen Datenverkehr immer fragwürdiger. 
Zugleich zogen sich staatliche Stellen beinahe weltweit aus der Telekommunikation zurück - allen voran in den USA. 1990 wurde das ARPANET offiziell eingestellt. 1995 zog sich die National Science Foundation (NSF), die bisher das „Internet-Backbone", also die Datenleitungen und Router des Internet gefördert hatte, zurück - der ganze Datenverkehr des Internets lief von nun an über private Netzwerke. Damit fielen auch die Einschränkungen für den kommerziellen Datenverkehr. Ende der 90er Jahre herrschte „Goldgräberstimmung" unter den kommerziellen Netzanbietern, die auch durch Fragen der mangelnden Datensicherheit bei Zahlungen übers Internet und Datenschutzprobleme nur unwesentlich gedämpft wurde. 
Entgegen mancher Unkenrufe ist Deutschland keineswegs ein „Computernetz-Entwicklungsland". Im Gegenteil: Im „Backbone"-Bereich der Übertragungsleitungen war und ist Deutschland sogar Vorreiter - Stichwort „Glasfasernetz" - und schon aufgrund des harten Konkurenzkampfes unter den Netzanbietern nach der Privatisierung der Deutschen Telekom werden die Kapazitäten sicher noch wachsen. ISDN (und ADSL) wurde in Deutschland entwickelt und erstmals eingesetzt. Laut „Emarketer" sind fast 80 % aller Internet-Seiten in englischer Sprache verfaßt - aber Deutsch ist immerhin die zweithäufigste Sprache im Netz, weit häufiger als Japanisch, Französisch oder Spanisch. Auch daß unter den „Global Players" im Online-Geschäft mehere deutsch Konzerne zu finden sind, spricht nicht unbedingt für einen „verschlafenen Boom". Allerdings gibt es hierzulande im Vergleich zu den USA und - prozentual gesehen - zu anderen west- und nordeuropäischen Ländern, noch relativ wenige „Internet-User". Auch im Bildungsbereich liegt noch einiges im Argen.
Und die Zukunft? Sie wird zum einen eine starke Kommerzialisierung des Internet bringen. Der Prozeß gegen Microsoft, das seinen Internet-Browser fest in sein marktbeherrschendes Betriebssystem Windows einbaute, wirkte für viele Netz-Enthusiasten ernüchternd. Die Gefahr, daß das „Netz der Netze" in Zukunft von einem Monopol kontrolliert werden könnte, erscheint möglich - auch durch Konzentrationsprozesse wie die Übernahme von Compuserve und Netscape durch AOL oder die „Einkäufe" der Deutschen Telekom - oder durch Verflechtungen wie die zwischen AOL, Bertelsmann, SUN-Computers, Barnes & Nobels und NuvoMedia. Entgegen den basisdemokratischen Vorstellungen der Internet-Pioniere könnten bald einige wenige Firmenkonglomerate die Inhalte des Netzes kontrollieren und den Löwenanteil der Umsätze bestreiten. Allerdings bietet die dezentrale Struktur des Internets den Nutzern die Chance, durch ihr Ver-halten das Internet pluralistisch zu halten. Zum Beispiel kann jeder kleine Versandbuchhändler im Netz präsent sein - und viele „Kleine" können „Großen" wie Barnes & Nobels oder Amazon durchaus Marktanteile abnehmen.
Ein anderer Trend - der zum Universalmedium mit Internet-Fernsehen, -Telefon, Video-Konfernzen, MUDs, als virtuelle Freizeitwelten, Online-Spielen, Musik und „Büchern" zum Downloaden usw. wird durch die nach wie vor rasante technische Entwicklung gefördert. ISDN und der neue, noch schnellere Übertragungsstandard ASDL, ganz zu schweigen von den noch schnelleren „Cablemodems", die über die Kabelfernsehnetze laufen, ermöglichen Multimedia-Anwendungen in Echtzeit.
Die Zukunft des Online-Handels hängt weitgehend davon ab, ob es künftig ein sicheres Zahlungsverfahren geben wird, bei dem der Kunde keine Datenspur hinterläßt, die verrät, wann er wo was gekauft hat. Schon die gängige Speicherung von Kundendaten ist im jetzigen Umfang vom Datenschutz her bedenklich. Auch hier hat der Nutzer, die Chance, durch sein eigenes Verhalten Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Mai 1999

Informationen zur Geschichte des Internets im Internet:
Internet Society: „A Brief History of the Internet" - http://www.isoc.org/internet-history/ (mit Links zu weiteren interessanten „netzkundlichen" Seiten)
W3Org: „About the World Wide Web" - http://www.w3.org/WWW/
Walt Howe: „A Brief History of the Internet" - http://www0.delphi.com/navnet/faq/history.html
Robert H. Zakon: „Hobbes´Internet Timeline" - http://www.isoc.org/zakon/Internet/History/HIT.html

Erstmals im September 1999 im Perry Rhodan Journal "Wissenschaft & Technik"  veröffentlicht.

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